Aaron Gähwiler
verrät im Lehrlings-Domino, wie er mit Druck umgeht.
Wenn eine Ausbildung scheitert, leiden viele Jugendliche still. Robin Jessica Gloor spricht offen darüber, was hinter den Abbrüchen steckt und wie Betriebe und Gesellschaft reagieren sollten.
Oberuzwil «Im Sommer 2023 begann ich eine Lehre als Polymechanikerin. Schon nach kurzer Zeit musste ich sie wieder abbrechen», erinnert sich Robin Jessica Gloor. Bereits vor ihrem Ausbildungsantritt litt die Oberuzwilerin unter schweren Depressionen. «Ich ging deshalb im letzten Schuljahr auch vom Gymnasium ab», sagt sie bedauernd. Der Leidensdruck sei für sie zu gross geworden. «Es war eine schwere Zeit», so Gloor, «in der ich mich oft als Last für die Gesellschaft und als Enttäuschung für meine Eltern empfand.»
Obwohl der Oberuzwilerin der Beruf sehr gefiel, traten schon in den ersten Wochen Schwierigkeiten auf. Sie konnte die Lehre nicht fortsetzen. «Ich zog mich immer mehr zurück, meldete mich nicht mehr in der Schule und sprach mit niemandem», erzählt Gloor. Nach einem gescheiterten Suizidversuch wurde ihr klar: Erst musste sie ihren seelischen Schmerz heilen. «Darum liess ich mich in eine Klinik einweisen.» Danach begann die Oberuzwilerin eine Lehre in der Systemgastronomie. «Mir gefiel auch dieser Beruf und durch therapeutische Unterstützung gelang es mir, den Alltag gut zu meistern», sagt sie. Doch trotz guter Noten und grosser Motivation, so Gloor, habe es nicht geklappt: «Mein damaliger Chef war unzuverlässig und liess uns oft mit kritischen Situationen alleine.» Auch wenn die Lernende mit ihrer Ausbildungsverantwortlichen alles tat, um den Betrieb am Laufen zu halten, schloss der Betrieb 2024 seine Türen. «Ich war schockiert. Nun musste ich wieder von vorn anfangen», erinnert sie sich.
Das Gefühl, allein in der Ausbildung gelassen zu werden, hat nicht nur Gloor. «In meinem Umfeld habe ich viele Lernende, die von denselben Erlebnissen berichten.» Auch die Statistik zeigt: In der Schweiz wird rund jede fünfte Lehre abgebrochen. Dabei, so die 25-Jährige, sei die Schuld oft nicht bei den Lernenden, sondern bei den Lehrbetrieben, die sich zu wenig kümmern. Auch Mobbing, Rassismus oder sexuelle Übergriffe seien keine Seltenheit: «Ich selbst habe es in meinen Ausbildungen selbst erlebt und auch von Arbeitskollegen mitbekommen», ist sie noch immer fassungslos. Um ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, beschloss Robin Jessica Gloor, eine Vertiefungsarbeit zu diesem Thema zu verfassen. Mit ihrer Arbeit möchte die angehende Systemgastronomin anderen Lernenden Mut machen. «Es ist wichtig, dass die Jugendlichen wissen, dass sie nicht allein sind», betont sie.
Sätze wie: «Stell di doch nöd so a» oder «Wo ich i dim Alter xsi bi», kennt Gloor nur zu gut. «Das muss aufhören», sagt sie bestimmt. Hauptverantwortlich für die vielen Lehrabbrüche sieht die Oberuzwilerin vor allem die Ausbildungsverantwortlichen und die Lehrbetriebe. Es gebe keinen Grund, einen Jugendlichen von 15 oder 16 Jahren bis zum Umfallen arbeiten zu lassen. «Der Lehrbeginn fällt in eine ohnehin schwierige Pubertätsphase. Da hilft es nicht, wenn man die Jugendlichen aus ihrem gewohnten System reisst, in ein neues hereinpresst und dann noch erwartet, dass alles im Schnelldurchlauf gelernt ist.» Robin Jessica Gloor wünscht sich vor allem eines von den Lehrbetrieben: Kommunikation und Verständnis. «Wenn man bemerkt, dass sein Lernender oder seine Lernende stets müde ist oder sie etwas bedrückt, sollten sie das Gespräch suchen», sagt sie. Doch auch die Jugendlichen dürften sich mehr wehren und für ihre Bedürfnisse einstehen. «Es gibt immer eine Möglichkeit, sich Hilfe zu holen.»
«Die Gesellschaft wandelt sich zum Guten», sieht Gloor Hoffnung. Nun komme die Generation, die sich nicht mehr alles gefallen lasse und die für ihre Grenzen einstehe. «Wir gehen in eine Richtung, in der die Lernenden von heute selbst Ausbildner werden», betont sie. «Dann können wir die Chefs sein, die wir uns in der Ausbildung gewünscht hätten.» Angebote auf Plattformen wie Instagram oder TikTok könnten Jugendlichen helfen, sich gegenseitig zu unterstützen, schlägt die 25-Jährige vor. Ihr Appell an die Jugendlichen: «Steht für euch ein. Wir müssen weg von der Opferrolle in die Selbstfürsorge kommen.» Dabei, so die Oberuzwilerin, sei es keine Schande, sich Hilfe zu holen. «Es braucht Mut, für sich einzustehen.» Robin Jessica Gloor ist überzeugt: «Der Wandel wird kommen. Es braucht aber Zeit. Wichtig ist, dass wir Schritt für Schritt vorwärts gehen.»
Von Dominique Thomi
Haben Sie selbst schon eine Lehre abgebrochen oder erlebt, dass ein Lernender überfordert war? Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen an: redaktion@wiler-nachrichten.ch.
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