Roger Edelmann
hat im Rahmen der Aktionstage gegen Gewalt an Frauen drei Sitzbänke umgestaltet.
Die Moschee im Wiler Südquartier wurde vor über sieben Jahren eingeweiht.
Die jüngsten Berichterstattungen über die Wiler Moschee befeuerten den Ruf nach einem nationalen Kopftuchverbot. Doch inwiefern hängt das Kleidungsstück tatsächlich mit Konservatismus zusammen? Und was hat es mit Andreas Hüssys Besuch in der Wiler Moschee auf sich?
Wil Der Wiler Imam Bekim Alimi und die Islamische Gemeinschaft Wil standen kürzlich wegen Radikalisierungsvorwürfen in der Kritik. Die medialen Wogen in der Äbtestadt scheinen sich geglättet zu haben. Der Islamwissenschaftler Prof. em. Dr. Reinhard Schulze ordnet die aktuelle Debatte um einen konservativeren Islam ein und relativiert die Geschehnisse in Wil.
«Tatsächlich haben konservative Formen der islamischen Religionspraxis in der letzten Zeit grössere Aufmerksamkeit erfahren», bestätigt Schulze. Doch bekannte Einzelfälle, die etwa im Kontext der albanischen islamischen Religionsgemeinden beobachtet wurden, liessen nur begrenzt generelle Aussagen zu. In einigen christlichen und jüdischen Gemeinschaften sowie in einigen islamischen Religionsgemeinden gäbe es auch in der Schweiz eine wachsende Präsenz orthodoxer Praktiken, weiss der Islamwissenschaftler. Diese Entwicklungen würden den allgemeinen gesellschaftlichen Trend widerspiegeln, wonach rechtskonservative, populistische und autoritäre Denkweisen im politischen Diskurs an Einfluss gewinnen. Bislang sei dieser Wandel jedoch nicht so weit fortgeschritten, dass bestimmte soziale Gruppen als treibende Kräfte auszumachen wären.
Ein Ausdruck dieser Entwicklungen ist laut Reinhard Schulze, dass Frömmigkeit zunehmend als gemeinschaftliches, kollektives Erlebnis verstanden und praktiziert werde. Damit könne auch das Tragen eines Kopftuchs einhergehen. Die Kopfbedeckung, wie im Falle der Diskussion um die Wiler Moschee, als Repräsentantin eines rechtskonservativen islamischen Nationalismus zu verstehen, sei allerdings zu kurz gegriffen: «Das Kopftuch hat immer nur die Bedeutung, die Trägerinnen oder Beobachter ihm zuweisen», betont der Islamwissenschaftler. Diese gehe von Glauben und Zugehörigkeit über Mode bis hin zu politischer oder ideologischer Haltung. Einen kulturellen oder gesellschaftlichen Konsens über die Bedeutung des Kleidungsstücks gebe es nicht.
Nichtsdestotrotz gebe es laut dem Fachexperten Umstände, die Anlass für eine kritische Betrachtung geben könnten. Dazu zähle etwa, wenn junge Mädchen bereits vor dem Erreichen der religiösen Mündigkeit, aus religiösen Gründen zum Tragen eines Kopftuchs verpflichtet würden. Ebenso kritisch bewertet Schulze das Tragen eines Kopftuchs dann, wenn damit eine Ungleichbehandlung von Frauen legitimiert werden soll. Er betont allerdings, dass auch in einigen christlich-orthodoxen Kirchen Frauen das Tragen eines Kopftuchs im Gottesdienst anempfohlen würde und, dass diese Empfehlung in streng orthodoxen Kreisen auch für junge Mädchen gelte.
Nicht selten prägen Medienberichterstattungen das Bild des Islams in der Öffentlichkeit. So auch im Fall der Moschee in Wil. «Journalistinnen und Journalisten tragen durch ihre Berichterstattung nicht selten dazu bei, Vorurteile zu zementieren», erklärt der Islamwissenschaftler. «Das Übergewicht der Berichte, die bestimmte Einzelfälle skandalisieren, kann dazu beitragen, eine falsche Balance in der Öffentlichkeit zu produzieren.» Dies sei auch im Hinblick auf politische Forderungen problematisch.
Politische Forderungen, so der Islamwissenschaftler, seien dann legitim, wenn sie ein für die Gesellschaft insgesamt relevantes oder repräsentatives Problem aufgreifen und dafür konkrete Lösungsansätze aufzeigen. «Wer aus einer kleinen Zahl evidenter Fälle eine politische Forderung ableitet, die das ganze Gemeinwesen betrifft, droht dazu beizutragen, den gesellschaftlichen Frieden unnötig herauszufordern.» Die Forderung nach einem Kopftuchverbot gehe weit über den konkreten Fall – hier kopftuchtragende Mädchen im vorpubertären Alter – hinaus. Da das Tragen des Kopftuchs auch in gewissen anderen Religionsgemeinschaften bestehe, drohe mit einer rein islambezogenen Forderung nach einem Verbot des Tragens eines Kopftuchs eine gezielte Aussonderung des Islam aus dem Gemeinwesen. «Damit wird schliesslich das Gemeinwesen als Ganzes infrage gestellt», so Prof. em. Dr. Reinhard Schulze.
Gemäss einer Erhebung des Bundesamts für Statistik (BFS) gehören aktuell knapp sechs Prozent der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz ab 15 Jahren einer muslimischen Glaubensrichtung an. Eine Zahl, die man laut dem Fachexperten allerdings nur schätzen kann. Dies, weil es bislang keine umfassende und verbindliche Zugehörigkeitsordnung gebe – in der Schweiz ist der Islam keine anerkannte Religionsgemeinschaft. «Eine öffentlich-rechtliche Anerkennung würde den Gemeinden weit grössere Spielräume eröffnen, sie stärker in das Gemeinwesen einbinden und zu gesellschaftlichen Verantwortungsträgern machen», ist sich Reinhard Schulze sicher. «Diese Bindung würde helfen, die Legitimität der Integrationsbemühungen und der Akzeptanz in den Gemeinden zu stärken.»
Linda Bachmann
Wer hat Ihren Besuch in der Wiler Moschee vergangenen Freitag initiiert?
Der Besuch in der Wiler Moschee erfolgte auf meine eigene Initiative und in Begleitung meiner Verlobten. Ich war nicht im Auftrag oder Namen der SVP dort, sondern wollte mir als Privatperson ein eigenes, unverfälschtes Bild machen und den Imam sowie die Gemeinschaft persönlich kennenlernen. Meine Funktion als Ortsparteipräsident war dabei bekannt – sie wurde offen angesprochen und stellte kein Hindernis für den Austausch dar.
Wie haben Sie den Besuch wahrgenommen? Hat dieser Ihren Blick auf bestimmte Gegebenheiten verändert?
Der Empfang war offen und respektvoll. Ich habe den Besuch als sachlich, aufschlussreich und unerwartet modern erlebt. Die Moschee ist architektonisch durchdacht: Frauen und Männer beten im selben Raum, die Frauen lediglich auf einer Empore – und selbst Nichtmuslime können von der oberen Ebene aus teilnehmen oder zusehen. Beeindruckt hat mich auch, wie viel Eigenleistung die Mitglieder in den Bau und Unterhalt investiert und gespendet haben, das verdient Anerkennung. Im Gespräch wurde deutlich, wie breit das Engagement des Imams und der Gemeinschaft ist: von Seelsorge und Integrationsarbeit über Nachhilfe bis hin zu Freizeitangeboten für Jugendliche. Gerade Jugendliche, die sonst leicht in schwierige Kreise geraten könnten, finden dort Struktur und Gemeinschaft. Auch für die ältere Generation, insbesondere für Frauen, gibt es Angebote – etwa praktische Kurse, in denen gleichzeitig Deutsch gelernt wird. Der Imam betonte, man sei bemüht, für alle Altersgruppen einen Platz und eine sinnvolle Aufgabe zu schaffen.
Was wünschen Sie sich zukünftig für die Kommunikation und die Zusammenarbeit der Islamischen Gemeinschaft mit der Stadt, der Bevölkerung und der Wiler Politik?
Für mich war der Besuch eine gute Gelegenheit ein realistisches Bild zu gewinnen. Man muss nicht alle religiösen Ansichten teilen, um den Einsatz und das Engagement einer Gemeinschaft zu respektieren. Entscheidend ist, dass der Dialog offen bleibt und gegenseitiges Verständnis gefördert wird – das ist letztlich im Interesse der ganzen Stadt.
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