Cornelia Scheiwiller
stellt das Konzertprogramm 2026 im Kloster Fischingen vor.
Katrin Saadé-Meyenberger hat eine unvollständige Enzyklopädie geerbt. Nun sucht die gebürtige Wilerin den fehlenden Band, welcher vermutlich in den 70er-Jahren aus der Wiler Arztpraxis ihres Vaters entwendet wurde.
Wil Der Einband abgegriffen, die Seiten vergilbt – Katrin Saadé-Meyenberger blättert durch das 245 Jahre alte Buch, das vor ihr auf dem Tisch liegt. Es ist der zweite Band der französischsprachigen «Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers», die zur Zeit der Aufklärung von Denis Diderot und Jean Baptiste le Rond d'Alembert herausgegeben wurde. Darin abgebildet sind unzählige Darstellungen aus verschiedenen Bereichen – von Anatomie und Chirurgie über Architektur und verschiedene Metiers bis hin zu Kunst und Musik. «Das Werk ist ein Abbild des Wissenstands aus der damaligen Zeit», erklärt Saadé-Meyenberger. Die Enzyklopädie, bestehend aus 36 Bänden mit lexikalischen Eintragungen von A bis Z, wobei die drei ersten Bände Abbildungen enthalten, stand ursprünglich im Wartezimmer der ehemaligen Wiler Hausarztpraxis ihres Vaters. Von ihm hat die 77-Jährige 2009 die Bücher geerbt. Allerdings nur 35 davon, denn der erste Band der wertvollen Bände mit Abbildungen fehlt. «Aber fangen wir von vorne an», schmunzelt Katrin Saadé-Meyenberger.
Als Tochter des ehemaligen Wiler Hausarztes Dr. Paul Meyenberger wuchs Katrin Saadé-Meyenberger in einer Ärztefamilie auf. Der Vater der gebürtigen Wilerin behandelte in seiner Praxis an der Unteren Bahnhofstrasse 14 die Leiden der Wilerinnen und Wiler. «1979 wurde die Praxis aufgelöst», erinnert sich die gebürtige Wilerin. Doch die Spuren seines Schaffens sind bis heute ersichtlich: Ein Schild aus Aluminiumguss an der südlichen Hauswand des 1881 erbauten Gebäudes gegenüber der St.-Peter-Apotheke mit der Aufschrift «Dr. med. P. Meyenberger prakt. Arzt» zeugt von der vergangenen Zeit. «Jeden Morgen um Punkt 7 Uhr schloss meine Mutter die Tür der Praxis auf», erinnert sich Saadé-Meyenberger. «Ab da konnten sich die Bürgerinnen und Bürger im Wartezimmer anstellen.» Termine habe man damals noch nicht erhalten. «Die Leute mussten warten, bis sie der Reihe nach aufgerufen wurden», erklärt die 77-Jährige und ergänzt: «Das galt aber nicht für Persönlichkeiten, die uns bekannt waren, denn sie erhielten eine privilegierte Behandlung. Sie durften in einem zweiten Wartezimmer warten und wurden vor anderen Patienten behandelt.» Dieses zweite Wartezimmer sei zugleich eine Bibliothek gewesen. In den Bücherregalen habe unter anderem die Enzyklopädie von Diderot gestanden.
Die drei Bücher seien ursprünglich ein Zahlungsmittel gewesen, weiss Katrin Saadé-Meyenberger. Ein Patient ihres Vaters habe seine Behandlung mit einem Tauschgeschäft bezahlt. Aufgrund des Exlibris auf der ersten Seite (kl. Bild) vermutet die gebürtige Wilerin, dass es sich bei dem Patienten um den Pfarrer A. Schweizer handelt. Sie weiss: Für Sammler und Leute vom Fach sind die Bücher bereits früher wertvoll gewesen. Dieser Wert habe sich bis heute vervielfacht, dies habe die 77-Jährige bei ihren Nachforschungen erfahren. Laut einer Fachperson des EOS Buchantiquariats Benz in Zürich liegt der Schätzwert des kompletten Werks zwischen 5000 und 7000 Franken. «Darum geht es mir aber nicht in erster Linie», betont Saadé-Meyenberger.
Die Enzyklopädie hat für die gebürtige Wilerin vor allem einen emotionalen Wert. «Es wäre wunderbar, wenn sich wieder alle 36 Bände im Besitz der Familie befänden», sagt sie. «Für einige der Nachkommen, die wie mein Vater in der Medizin tätig sind, sind die Bücher ein eindrückliches Zeitzeugnis.» Wann genau der erste Band aus der Praxis ihres Vaters verschwunden ist, kann sie nicht nachvollziehen. «Mir geht es auch nicht darum, einen Schuldigen zu finden», versichert Katrin Saadé-Meyenberger. «Aber vielleicht hat das Buch irgendjemand geerbt und es steht noch in einem Wiler Haushalt – für mich ist es ein bisschen so, als würde ich Sherlock Holmes spielen.» Den Finder des ersten Bandes der Enzyklopädie von Diderot möchte die 77-Jährige mit einer Summe entschädigen. Wie hoch diese ist, möchte sie allerdings nicht verraten. Nur so viel: «Sie wird dem Wert der vollständigen Buchreihe angemessen sein.»
Linda Bachmann
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