Sophia Erni
gewann den Thurgauer Malerlehrlingswettbewerb mit Äpfeln.
19 Jahre lang traf man Maria Burkhalter im Restaurant Schäfli an, im August nun ist Schluss. le
Anfang August verschwindet mit dem Restaurant Schäfli ein weiteres Lokal von der Gastrolandkarte der Region. Maria Burkhalter schliesst nach 19 Jahren die Türen zu ihrer Beiz. Daran haben nicht alle Freude.
Bronschhofen Im Gastraum des Restaurant Schäfli läuft Schlager. Nicht laut, eher wie ein Echo aus vergangener Zeit. Der Mittagsservice ist gerade durch, Teller sind abgeräumt, es riecht noch nach Suppe und Saftschinken mit Rosmarinkartoffeln. Maria Burkhalter steht hinter dem Tresen, wischt routiniert über die Fläche und sagt einen Satz, der hängenbleibt: «Eine Ära geht zu Ende.» Nach 19 Jahren im «Schäfli» hört sie auf. Insgesamt sind es 46 Jahre in der Gastronomie. «Irgendwann reicht es», sagt die Wirtin. Sie ist längst pensioniert, «dreiviertel Jahr über die Pension hinaus». Dass sie so lange durchgehalten hat, sagt sie scherzhaft: «Ich sage immer, es ist ein Geburtsfehler. Meine Grossmutter hat schon gewirtet. Entweder man hat es im Blut oder man lässt es besser bleiben.»
Dass das Ende kommt, weiss Maria Burkhalter schon lange. «Seit dem 13. Mai 2019 ist klar, dass hier eine Überbauung geplant ist.» Doch die Unsicherheit blieb. «Es war immer ein Aufschieben. Während Corona kamen die Visiere, die standen drei Jahre. Dann waren sie wieder weg, jetzt sind sie wieder da.» Sie zuckt mit den Schultern. «Ich wusste nie, kommt die Kündigung oder nicht. Wenn man so will, hatte ich sieben Jahre Aufschub.» Ein endgültiger Entscheid ist es dennoch. Auch weil ihr Mann vor sechs Jahren gestorben ist. Gemeinsam hatten sie den Betrieb aufgebaut. «Er war in der Küche, ich vorne.» Später übernahm sie vieles alleine, verkleinerte das Angebot, kochte selbst. «Das war auch ein Grund aufzuhören.»
Maria Burkhalter ist in Bronschhofen aufgewachsen. Das «Schäfli» kannte sie lange, arbeitete schon von 1981 bis 1985 hier. «Ich habe heute noch Gäste, die seit damals kommen.» Dass sie das Restaurant später übernahm, war fast vorgezeichnet. «Mein Mann hatte nebenan sein Geschäft, ein Sanitärbetrieb. Wenn, dann konnte es nur das «Schäfli» werden.» Das Konzept blieb über all die Jahre gleich. Gutbürgerlich und unkompliziert. «Wir sind für die Bauleute da, das ist ja heute in der Region kaum noch jemand», sagt sie. Mittags gibt es ein Menü. «Die Leute haben nicht unendlich Zeit.» Dazu gehören auch Gratisparkplätze und klare Öffnungszeiten. Samstag und Sonntag blieb das Restaurant stets geschlossen. «Das passt zu unseren Gästen.»
Doch nicht nur Bronschhofen hat sich in all den Jahren verändert, auch die Menschen. «Seit Corona sind viele ichbezogener geworden, dünnhäutig», sagt Burkhalter. «Sie vertragen weniger, sind schneller gereizt. Der Ton ist manchmal heftig.» Sie spricht von Gästen, die fordern statt fragen. «Du musst, hört man oft.» Auch die Gewohnheiten haben sich verschoben. «Das Feierabendbier gibt es nicht mehr.» Früher sei das «Schäfli» ein Treffpunkt gewesen, mit Jassrunden und Gesprächen. «Heute gehen viele einfach nach Hause.» Gleichzeitig wurde es schwieriger, Personal zu finden. «Viele wollen Geld verdienen, aber niemand will etwas dafür tun», sagt sie. «Unzuverlässig, zwei linke Hände.» Einmal habe sie in den Jahren nach Corna fast aufgegeben.
Für viele war das «Schäfli» über all die Jahre mehr als ein Restaurant. «Ich habe viele ältere Gäste, die allein sind.» Deshalb stehen drei runde Stammtische im Raum. «So muss niemand um die Ecke schauen.» Dass die Wirtin nun aufhört und das Schäfli am 8. August schliesst, sorgt für Unruhe. «Viele haben Panik. Sie fragen, wo sie jetzt hingehen sollen.» Burkhalter trocken: «Ich kann nicht das Dorf retten.» Was mit dem Gebäude passiert, weiss sie nicht. «Ich werde nicht informiert.»
Langweilig wird ihr nicht. Seit 40 Jahren arbeitet die Wirtin nebenbei im Aussendienst für Kosmetik. «Das habe ich immer beibehalten.» Ab August will sie ihre Kundinnen und Kunden wieder regelmässig besuchen. «Und ich will das Leben geniessen. Ich hatte 19 Jahre lang keine Ferien.» Ein bisschen Wehmut bleibt, aber keine Angst. «Ich bin nicht aufgeschmissen.» Vieles sei liegengeblieben in den letzten Jahren, «es fehlte nach dem Tod meines Mannes einfach die Zeit». Und der Kaffee? Den wird sie künftig anderswo trinken. «Vielleicht zu Hause, im Rondo, oder in der Sonne.» Der Schlager läuft weiter, leise im Hintergrund. Maria Burkhalter nimmt die letzten Gläser vom Tisch. Noch ist alles wie immer. Nur nicht mehr lange.
Lui Eigenmann
Lade Fotos..