Ramon Gschwend
fährt in einer 16-tägigen Rallye bis ans Nordkap+.
Fernwärme gilt als Schlüsselprojekt für die Energiezukunft Wils. Beim Rundgang entlang der Baustellen wird aber sichtbar: Der Bau ist komplexer als Leitungen verlegen – und lebt von Geduld, Abstimmungen und von Herausforderungen.
Wil Um die Anlage des ZAB ist vom Grossprojekt kaum noch etwas zu sehen. Ganz in der Nähe bleibt TBW-Geschäftsleiter Marco Bötschi immer wieder stehen. Wer erwartet, auf den ersten Blick ein Grossprojekt zu erkennen, wird überrascht. Vieles passiert unter der Oberfläche und vieles entsteht nicht immer dort, wo ursprünglich geplant wurde. Mit dem Fernwärmeprojekt verfolgt Wil ein Vorhaben in Millionenhöhe. Die Stadt soll künftig über ein neues Netz mit Wärme versorgt werden. Doch auf der Baustelle zeigt sich schnell: Der eigentliche Kraftakt ist nicht das Rohr, sondern alles, was davor kommt.
Der Eindruck einer linearen Umsetzung hält nicht lange. Kaum steht man am nächsten Abschnitt, wird klar: Planung bedeutet hier in Optionen und neue Lösungen denken. Immer wieder mussten Varianten verworfen, Linien angepasst und neue Lösungen gesucht werden. «Wöchentlich gibt es neue Herausforderungen und neue Situationen», sagt Marco Bötschi. Das habe weniger mit Unsicherheit zu tun als mit der Realität grosser Infrastrukturprojekte. «Die erste Lösung, die man im Kopf hat, funktioniert nicht. Dann braucht es eine andere – die sich mitunter als bessere und zugleich kostengünstigere Variante erweisen kann.» Trotzdem bedeutet jede Änderung Zeit und Aufwand. Christian Hofmann beschreibt den Abschnitt Cholbergerranks, bei dem zunächst acht Varianten untersucht wurden. Als diese nicht realisierbar waren, kamen weitere Möglichkeiten dazu. «Dann kam der Ablehnungsentscheid des Kantons und wir mussten nochmals neue Varianten rundherum prüfen.» Die Gründe dafür reichen von gesetzlichen Abständen über bestehende Werkleitungen bis zu Interessen von Eigentümern oder Anforderungen des Kantons.
Fernwärme konkurriert im Untergrund mit Gasleitungen, Stromtrassen, Telekommunikationsleitungen und weiteren bestehenden Infrastrukturen oder natürliche Hindernisse wie zum Beispiel eines Bachlaufs. An mehreren Stellen müssen Leitungen umfahren oder Abstände eingehalten werden. Eine Ausnahmebewilligung, näher an bestehende Systeme heranzurücken, wurde beim Fall Cholbergerranks nicht bewilligt. «Wir haben geprüft ob eine Sonderbewilligung möglich ist», sagt Hofmann. «Aber es war relativ schnell klar, dass es keine geben wird und die Vorgaben wenig Spielraum lassen.» Besonders anspruchsvoll wird es dort, wo zusätzlich Gelände und Hanglagen dazukommen. Am beschriebenen Abschnitt Cholbergerranks entlang einer Böschung sprechen die Projektverantwortlichen über Sicherungen und unbekannte Bodenverhältnisse. «Wir wissen erst beim Öffnen des Geländes wirklich, was uns erwartet», sagt Hofmann. Wenn der Untergrund instabil sei, brauche es zusätzliche Sicherungen – technisch machbar, aber mit zusätzlichen Kosten und mehr Aufwand.
Die Diskussion über Fernwärme konzentriert sich häufig auf Energiequellen und Klimaziele. Auf der Baustelle wird ein anderer Aspekt betont: Versorgungssicherheit. Das Netz soll so gebaut werden, dass Wärme auch bei Teilausfällen verfügbar bleibt. «Dafür legen wir unser Netz aus», sagt Bötschi. «Wenn ein Abschnitt ausfällt, können wir mit dem Notfallkonzept von einer anderen Seite einspeisen.» Dafür entsteht parallel eine Kommunikationsinfrastruktur. Ein eigenes Glasfaserkabel soll sicherstellen, dass Netz und Wärmezentrale dauerhaft verbunden bleiben. «Ohne Kommunikation läuft das Netz nur im Notbetrieb», erklärt Hofmann. «Effizient wird es erst, im Zusammenspiel mit der Steuerung.» Auch technisch wird mit Reserven geplant. So sollen spätere Ausbauschritte zusätzliche Pumpstationen ermöglichen, falls bei weiteren Ausbauetappen die Druckverluste im Netz zunehmen.
Mit dem politischen Entscheid für rund 75 Millionen Franken steht das Projekt unter besonderer Beobachtung. Bötschi spricht offen darüber, dass nicht jede Entscheidung nur technisch getroffen werden kann. «Wir warten so lange wie möglich, damit wir die kostengünstigere wählen können. Nicht die schlechtere – aber eine kostenoptimierte Lösung.» Parallel baut TBW ein Controlling-System auf, das Kosten pro Leitungsmeter sichtbar machen soll. Derzeit liege das Projekt unter dem Finanzplan. Gleichzeitig wird betont, dass sich das bei schwierigeren Abschnitten noch verändern könne. Rund die Hälfte der Transferleitungen sei inzwischen umgesetzt.
Wo gebaut wird, entstehen auch Diskussionen. Beim Fernwärmeprojekt sei das nicht anders. Bötschi sagt, viele Menschen sähen die Arbeiten ausserhalb des Stadtgebiets gar nicht und fragten sich deshalb, ob überhaupt etwas passiere. Daneben gebe es auch technische Missverständnisse. Immer wieder höre man, dass das Wasser Richtung Wil nochmals aufgeheizt werden müsse oder zusätzliche Energie aus Gas oder Öl brauche. «Das stimmt nicht», sagt Bötschi. Die Wärme komme mit ausreichend hoher Temperatur in Wil an und benötigt keine weitere Energiequellen.
Der Rundgang zeigt, wie viele Akteure an einem solchen Projekt beteiligt sind. Grundeigentümer wollen Felder nutzen, Gemeinden haben eigene Anforderungen, Bauprojekte überschneiden sich, Umweltauflagen müssen eingehalten werden. «Es ist ein permanentes Absprechen untereinander», sagt Marco Bötschi. Christian Hofmann ergänzt, dass auch scheinbar kleine Themen grosse Auswirkungen haben können: Bodenschutz, Tierwanderungen, Gewässer oder der Zeitpunkt von Bauarbeiten. Gleichzeitig sei das Ziel, möglichst wenig sichtbare Spuren zu hinterlassen. An einem bereits wieder begrünten Abschnitt bleibt die Gruppe nochmals stehen. Wo vor wenigen Wochen noch ein Graben offen war, wächst bereits wieder Gras. Hofmann sagt: «Am Schluss sollte man möglichst nicht mehr sehen, dass wir überhaupt hier waren.» Das wirkt beinahe symbolisch für das gesamte Projekt: Sichtbar wird am Ende vor allem das Ergebnis – unsichtbar bleibt, wie viele Entscheidungen, Umwege und Herausforderungen darunter liegen.
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