Sophia Erni
gewann den Thurgauer Malerlehrlingswettbewerb mit Äpfeln.
Nach einer krankheitsbedingten Auszeit will Thoms Abbt sein Hobby, die Politik im
Stadtparlament, nun als Stadtrat zum Beruf machen.
Mitte Juni findet die Ersatzwahl für das Stadtpräsidium und damit verbunden für den Stadtrat statt. Die Nominierungen wurden bereits bekanntgegeben, sichtbarer Wahlkampf wird noch nicht betrieben. Die WN haben sich mit einem Kandidaten getroffen, der sich bisher noch nicht in den Medien geäussert hatte: Thomas Abbt.
Wil Die Mitte Wil hat Parteimitglied Thomas Abbt als Stadtratskandidaten nominiert. Der Wiler ist nach einer krankheitsbedingten Pause im Stadtparlament nun wieder voller Tatendrang. Was bewegt ihn zu diesem Schritt?
Thomas Abbt, warum wollen Sie jetzt den Schritt vom Parlament in den Stadtrat machen?
Letzten April wurde bei einer Routineuntersuchung ein bösartiger Tumor festgestellt. Auf die Diagnose «Schwere Krebserkrankung» folgten Strahlentherapie, Chemo und zwei Operationen. Wenn man krank ist, hat man viel Zeit, sich Gedanken über den Lebensinhalt zu machen. Womit will ich mich zukünftig beschäftigen? Was kann ich vorwärtsbringen? Wil ist für mich eine Herzensangelegenheit. Ich bin hier aufgewachsen. Die Stadt ist mir wichtig. Sie hat viel unausgeschöpftes Potenzial. Hier kann man etwas bewirken. Nun ist meine Krebstherapie abgeschlossen und ich bin wieder voller Tatendrang. Es ist der richtige Zeitpunkt, nochmal etwas Neues zu starten und mein Hobby zum Beruf zu machen.
Und wo liegt dieses angesprochene Potenzial?
Die Digitalisierung müsste man stärker vorantreiben – natürlich ohne die älteren Leute abzuhängen. Die Abläufe sind sehr bürokratisch. Anlaufstellen müssten viel einfacher erreichbar sein. Zudem müsste die Kommunikation optimiert werden. Proaktive Kommunikation ist der Schlüssel. Der Bevölkerung muss klar aufgezeigt werden, wofür die Steuergelder fliessen.
Wenn sie die Steuergelder ansprechen – wo stehen sie in der aktuellen Diskussion um den Steuerfuss?
Es ist eine Frage der Ehrlichkeit offen zu sagen, dass der Steuerfuss erhöht werden muss, aber nur mit Augenmass. Ich glaube nicht, dass es sich die Stadt leisten kann, längerfristig bei dem tiefen Steuerfuss zu bleiben. Man darf aber auch nicht denken, nur bei den Einnahmen liege der Schlüssel. Natürlich muss die Stadt sparsam mit dem Steuerfranken umgehen, muss sich gut überlegen, was wirklich nötig ist, aber sie muss auch in die Zukunft investieren. Eine Stadt sollte nicht auf das Minimum heruntergespart werden. Das Geld ist dazu da, um die Lebensqualität der Bevölkerung zu verbessern und die Stadt längerfristig attraktiv zu machen, auch für die Wirtschaft.
Was qualifiziert Sie für das Amt als Stadtrat?
Ich habe in den vergangenen fünf Jahren im Stadtparlament gesehen, wo die Zahnräder ineinandergreifen. Meine grossen Vorteile sind, dass ich entscheiden und führen kann. Ich komme aus der privatwirtschaftlichen Kommunikation und musste in der Vergangenheit mit allen Stufen kommunizieren und Sachverhalte vernetzt denken. Ich weiss, wo der Schuh drückt. Ich habe in der Wirtschaft auch gelernt, mit Druck und schwierigen Situationen zu leben und mit den Realitäten umzugehen, ohne die menschlichen Komponenten zu vernachlässigen.
Wie entscheidet man schnell und vor allem richtig?
Es ist wichtig, dass man eine saubere Auslegeordnung mit allen Fakten macht. Dazu müssen alle beteiligten Personen ins Boot geholt werden. Aus einer solchen IST-Analyse kann man einen Weg bewusst einschlagen. Eine Entscheidung muss aber auch immer verständlich kommuniziert beziehungsweise gut verkauft werden. Selbstläufer gibt es kaum.
Sie haben einmal gesagt, die Verwaltung müsse die Bevölkerung stärker als Kunden sehen. Wie würden Sie das als Stadtrat konkret umsetzen?
Als Dienstleister muss man vom Kunden möglichst positiv wahrgenommen werden. Er muss also wissen, welche Leistung ein Unternehmen erbringt und auch, wie es erreichbar ist. Es muss auch adressiert werden, was nicht möglich ist und warum. Dem Kunden – oder bei einer Stadt der Bürgerin und dem Bürger – müssen schnell viele und vor allem verständliche Informationen bereitgestellt werden. Das muss proaktiv funktionieren, nicht erst, wenn Fragen aufkommen.
Sie sind stark im Vereinsleben engagiert – wie prägt das Ihre politische Arbeit?
Unsere Gesellschaft ist auf Personen aufgebaut, die ehrenamtliche Funktionen übernehmen. Es ist entscheidend, dass den Vereinen keine unnötigen bürokratischen Hürden in den Weg gelegt werden. Früher konnten wir als Verein in-wyl vier Seiten für eine Bewilligung einreichen – heute ist es das fünffache. Das kann schon abschrecken. Mir ist klar, dass es hier um Vorschriften geht. Wichtig ist, dass Vereine kooperative Unterstützung erhalten.
Wie viel Kapazität hätten sie als Stadtrat noch für die Vereinsarbeit?
Ich werde die ganze Arbeitszeit für das Amt einsetzen. Meinem Engagement im Verein in-wyl und bei der Wiler Weinstrasse würde ich bei einer Wahl weiter nachgehen. Nur aus dem Vorstand des Quartiervereins würde ich zurücktreten, weil es hier zu Interessenskonflikten kommen könnte. Als Mitglied würde ich dem Verein aber erhalten bleiben. Also voller Fokus auf unsere Stadt Wil. Sie mussten sich aus gesundheitlichen Gründen eine Auszeit nehmen.
Was hat diese Phase bei Ihnen persönlich verändert?
In einer ersten Phase nimmt die Krankheit eine Spur Leichtigkeit. Ich war voll fit, immer im fünften Gang unterwegs und dann zack – eine 180-Grad-Kehrtwende. Die Krebstherapie war schon heavy. Trotzdem wollte ich mir meine Stimmung nicht verderben lassen und nicht zulassen, dass mir der Schicksalsschlag meinen Optimismus raubt. Ich habe mir vor Augen geführt, dass es noch viel schlimmer sein könnte. Auch hat es mein Bewusstsein geschärft, dass bei uns allen die zur Verfügung stehende Zeit beschränkt ist und entsprechend zielgerichtet eingesetzt werden sollte.
Hat die Erfahrung Ihre Sicht auf Belastung, Verantwortung und politische Führung beeinflusst?
Wir alle wissen nicht was morgen kommt. Es ist wichtig, dass wir allen Menschen wertschätzend und auf Augenhöhe begegnen. Nicht nur der Geschäftsleiter mit einer 55-Stunden-Woche hat es streng. Auch der einfache «Büezer» ist stark gefordert und hat es streng. Beide haben unterschiedliche Themen, die ihnen schlaflose Nächte bereiten können.
Das Amt als Stadtrat ist fordernd. Wie stellen Sie sicher, dass Sie langfristig die nötige Energie und Balance behalten?
Ich weiss besser als vor meiner Krankheit mit meinen Kräften umzugehen. Jetzt bin ich wieder fit und belastbar. Ich brauche den Austausch und geniesse es, unter Leuten zu sein. Dies ist mein Lebenselixier und deshalb möchte ich in den kommenden Jahren so viel Positives wie immer möglich bewegen.
Linda Bachmann
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