Cornelia Scheiwiller
stellt das Konzertprogramm 2026 im Kloster Fischingen vor.
Eine Familie am Limit: Priska und Marcel Kölliker zwischen Jobsuche und Alltag mit sechs Kindern.
Absage um Absage prägt den Alltag von Familie Kölliker in Mühlrüti. Zwischen Hoffen und Durchhalten zeigt ihre Geschichte die Herausforderungen auf dem heutigen Arbeitsmarkt.
Mühlrüti Bereits seit vier Jahren ist der sechsfache Familienvater Marcel Kölliker nun auf der Suche nach einer festen Anstellung. «Ich bin für jeden Job offen, bis auf den im Verkauf», sagt der 52-Jährige. In den vier Jahren schrieb Kölliker bereits über 300 Bewerbungen. «Das Schlimmste bei den Absagen sind die fehlenden Feedbacks», sagt der Familienvater. Die Standardantworten kenne er bereits in- und auswendig. «Ehrliche Rückmeldungen, weshalb es mit der Stelle nicht geklappt hat, kann ich an einer Hand abzählen», betont er.
«Ich wollte ursprünglich eine Ausbildung zum Laboranten machen, da ich aber eine Farbschwäche habe, kam dieser Beruf nicht infrage», erinnert sich Marcel Kölliker. Stattdessen besuchte er die Handelsschule und begann, in der Versicherungsagentur seines Vaters zu arbeiten. «Mein Vater ist der geborene Verkäufer. Er kümmerte sich um den Verkauf und ich um die IT, das Marketing und den Innendienst», erzählt der Mühlrütener von seinen beruflichen Anfängen. Als es in der Firma seines Vaters nicht mehr so gut lief, nahm Marcel Kölliker eine Stelle im Kundensupport in einem Verlagshaus an. «Da ich sehr lange ruhig bleiben kann, war ich oft für die anspruchsvollen Kundengespräche zuständig», so Kölliker. Nach einiger Zeit kehrte er zurück in die Firma seines Vaters. «Das Geschäft wurde jedoch immer schwieriger und die Versicherungen, mit denen wir zusammenarbeiteten, forderten immer mehr», erinnert sich der Versicherungsberater. Als die letzten grossen Kollektivverträge aufgehoben wurden, war absehbar, dass es einen neuen Plan braucht.
Doch die neue Arbeitsstelle lässt noch immer auf sich warten: «Anfangs dachte ich noch, die Situation wird rasch vorbei sein», so seine Frau Priska Kölliker. Mittlerweile habe sich bei der sechsfachen Mutter eine Hoffnungslosigkeit eingestellt. Um die Familie finanziell über Wasser zu halten, arbeitet Priska Kölliker seit drei Jahren zu 70 Prozent im Detailhandel, in der Haushaltshilfe und der Betreuung. «Ich bin eine Vollblutmami», sagt sie. «Jeden Morgen bricht es mir das Herz, wenn mein Vierjähriger merkt, dass ich wieder zur Arbeit muss.» Neben Job und Familie fühlt sie sich oft am Limit: «Ich habe das Gefühl, ich funktioniere nur noch», kämpft sie mit den Tränen. Wie lange sie dieser Belastung noch standhält, ist fraglich. «Aufgeben ist aber keine Option.»
Nach diesem Motto lebt auch ihr Mann Marcel und hat sich während der letzten vier Jahre stetig weitergebildet. «Ich habe eine Ausbildung zum Finanzberater abgeschlossen, in der Hoffnung, so bessere Chancen auf dem Markt zu haben», erzählt er. Bei einer Bank habe dies auch fast geklappt. «Aber eben nur fast», fügt seine Frau entmutigt an. Glücklicherweise könne Marcel Kölliker manchmal bei einem befreundeten Elektriker mithelfen und hat auch kurz auf dem Bau gearbeitet. «Wegen eines Zeckenbisses in jungen Jahren habe ich mit einer rheumatischen Erkrankung zu kämpfen, daher ist ein Job auf dem Bau nur in Kurzeinsätzen sinnvoll.» Die Elektriker-Jobs seien zu selten und unregelmässig, was die Wochenplanung noch zusätzlich erschwere, gibt seine Frau Priska zu bedenken. «Die Planung kann meine Frau einfach besser», so der 52-Jährige. «Ich mache sie auch lieber», fügt sie hinzu.
Marcel Kölliker kann mit seiner Situation meistens gelassen umgehen. Als ihr ältester Sohn jedoch eine Lehrstelle suchte, sei er an seine Grenzen gekommen. «Es klappte anfangs nicht und da habe ich mich schon hinterfragt, ob ich nicht doch etwas falsch mache», gibt er zu. Doch nach einiger Zeit des Suchens fand er eine Lehrstelle und auch die beiden nachkommenden Kinder sind versorgt. «Der Dritte im Bunde hat bereits für 2027 eine Lehrstelle», freuen sich die Eltern. Doch weshalb will es beim Papa nicht klappen? «Ich denke, es ist unter anderem das Alter», vermutet Priska Kölliker. «Er muss doch noch 13 Jahre arbeiten. Es macht mich wütend, dass die sein Potenzial nicht sehen.» Um seine Chancen zu erhöhen, macht Marcel Kölliker gerade seinen Führerschein. Die Familie hofft, dass bald eine Anstellung zwischen 60 und 80 Prozent gefunden wird. «Mit dem Rollentausch geht es für mich nicht mehr», sagt Priska Kölliker.
Von Dominique Thomi
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