Sophia Erni
gewann den Thurgauer Malerlehrlingswettbewerb mit Äpfeln.
Frédéric und Karin Niedermann fördern mit dem Auti-Team des FC Uzwil den Fussball, Selbstvertrauen und Gemeinschaft für Kinder mit Autismus.
Heute am Welt-Autismustag zeigt sich auf dem Sportplatz Rüti, was Inklusion bedeuten kann. Das Auti-Team des FC Uzwil schafft einen Raum, in dem Kinder mit Autismus Fussball spielen und einfach sie selbst sein dürfen.
Uzwil Ganz auf sich und ihren Ball konzentriert üben zehn Jungen und ein Mädchen das Toreschiessen auf dem hintersten Fussballfeld des Sportplatzes Rüti in Henau. Ihre Fussballschuhe, die Stulpen und das Trikot haben sie bereits zu Hause angezogen. Denn auch wenn man auf den ersten Blick nichts Aussergewöhnliches erkennt, ist das Auti-Team des FC Uzwil etwas Besonderes. «In unserem Team sind alle Kinder hochfunktionale Autistinnen und Autisten», erklärt Karin Niedermann. «Um die Reize zu reduzieren, kommen die Kids bereits fertig angezogen auf den Fussballplatz.»
Karin Niedermann und ihr Mann Frédéric haben das erste Auti-Team vor zwei Jahren beim FC Uzwil ins Leben gerufen. «Als Eltern zweier autistischer Kinder wissen wir, dass reguläre Fussballteams oft herausfordernd sind. Es kommt oft zu Reizüberflutungen und Verständigungsproblemen», erinnert sich die Uzwilerin. Da es keine Fussballmannschaft für Autistinnen und Autisten gab, nahm sie mit Lena Thoma von Swiss Inclusive Sport Kontakt auf: «Sie unterstützte mich sofort und wir schrieben gemeinsam mehrere Vereine an.» So schufen sie beim FC Uzwil einen Ort, an dem die Fussballfans eine Gemeinschaft finden, zu der sie dazugehören können, so das Ehepaar. Auch ihr zehnjähriger Sohn spielt im Team mit.
Nach einer kurzen Begrüssung und Bestandsaufnahme des Wohlbefindens startet Coach Frédéric Niedermann das Fussballtraining. «Bei uns sind alle Übungen immer mit dem Ball», verrät er. Gespielt werde nach den allgemeinen Fussballregeln. Trotzdem gibt es einige Unterschiede im Vergleich zu «normalen» Juniorenmannschaften. «Das Team ist altersdurchmischt», verrät die ausgebildete Fachfrau Autismus. Angefangen habe die Mannschaft mit Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren. Heute habe sich das etwas verschoben und die Kinder seien zwischen sieben und 13 Jahre alt. «Durch die Altersdurchmischung dürfen wir keine Meisterschaften spielen», erklärt Frédéric Niedermann. Man spiele jedoch Freundschaftsspiele und vereinzelt Grümpelturniere.
Mitten in den technischen Übungen bleibt einer der Jungen stehen und schaut gebannt in den Himmel. Er hat ein Flugzeug entdeckt. «Es kann vorkommen, dass sich die Kids von etwas ablenken lassen und sie dem Training nicht mehr folgen können», erklärt Frédéric Niedermann. «Es ist als Trainer sehr wichtig, das Verständnis für die Kinder mitzubringen und mit Ruhe die Situation aufzulösen.» Im Auti-Team sei es jederzeit möglich, eine Pause einzulegen oder es sogar abzubrechen. «Die meisten Eltern bleiben während des Trainings da», sagt Karin Niedermann. So könnten sich die Fussballfans jederzeit emotionale Unterstützung bei ihren Eltern holen. Dennoch brauche das Training auch eine gewisse Form der Disziplin. Für Trainer Frédéric Niedermann sei es immer ein schmaler Grat zwischen Verständnis zeigen und Ordnung ins Training bringen: «Ohne Struktur würde das Training sonst ausarten», sagt er.
Zum Abschluss des Trainings spielen die Kinder ein Match. «Manchmal», so der Fussballtrainer, «kicken auch die Eltern mit.» Dass die Mannschaft vollzählig zum Training erscheint, sei eher selten: «Bei uns ist es völlig in Ordnung, wenn ein Kind spontan absagt», ergänzt seine Frau. «Wenn der Schultag stressig war oder ein Ausflug auf dem Programm stand, kann das sonst für die Kinder zu viel werden.» Dies unterscheide das Auti-Team von anderen Juniorenmannschaften. Die Unterstützung des FC Uzwil hatte das Ehepaar von Anfang an: «Der Vorstand der Juniorenabteilung ist begeistert und organisierte uns mit der Raiffeisenbank Regio Uzwil sogar einen Sponsor für unsere Mannschaftstenues», verrät Frédéric Niedermann. Und auch von den Eltern erlebe das Ehepaar viel Dankbarkeit: «Ich unterhalte mich am Spielfeldrand oft mit Müttern, die ab und an auch eine Träne verdrücken. Sie sagen mir dann, dass sie nie gedacht hätten, dass ihr Kind mal an einem Fussballspiel teilnehmen würde. Das sind ganz besondere Momente», ist die dreifache Mutter berührt.
Der Match ist gespielt und die Abschlussversammlung nun beendet. Doch bevor die Kinder nach Hause gehen, sollen sie sich noch voneinander und von ihrem Trainer verabschieden. Doch ein Junge zögert. «Autistinnen und Autisten fällt es teils sehr schwer, jemandem die Hand zu geben und in die Augen zu schauen», erklärt die Fachfrau Autismus. «Deshalb üben sie bei uns diese Verabschiedung. Das hilft ihnen auch für die Zukunft», ergänzt ihr Mann. Gezwungen werde aber niemand: «Für diejenigen, für die das Handgeben nicht möglich ist, schaffen wir, wenn möglich, eine Alternative», sagt die Uzwilerin. Neben den Auti-Teams hat das Ehepaar 2024 zudem den Verein InkluZone gegründet, der sich für neurodivergente Kinder und Jugendliche einsetzt. «Es werden spezielle Freizeitangebote wie die «Stille Stunde» ermöglicht, aber auch Beratungen für Eltern und Schulen angeboten», sagt Karin Niedermann. Doch bei Autismus soll noch lange nicht Schluss sein: «Es könnte künftig auch ein Fussballteam für alle neurodivergenten Kinder geben.»
Von Dominique Thomi
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