Sophie Ullmann
stellt den Verein «impul-z» im WN-Vereins-Domino vor.
Trotz vieler dunkler Wolken in der Vergangenheit scheint im Leben von Leandra Signer und Joel Hofmann die Sonne.
Diagnose, Schockstarre, Chemotherapie und der Kampf zurück ins Leben: Der Lymphdrüsenkrebs bestimmte für eine Zeit das Leben der 22-jährigen Sirnacher Joel Hofmann und Leandra Signer. Den Kopf in den Sand steckten sie deshalb aber nie.
Sirnach/Wietzikon Joel Hofmanns Geschichte mit dem Lymphdrüsenkrebs beginnt im Schicksalsjahr 2013 und der Frage, welchen Beruf er nach der Oberstufe erlernen will. «Bei einer Schnupperstelle als Landmaschinenmechaniker habe ich mir (un)glücklicherweise den Ellbogen heftig gestossen, weshalb ich meinen Hausarzt in Tobel aufsuchte und den Arm röntgen liess», sagt der heute 22-Jährige. Dem Arzt bereitete aber der starke Husten mehr Sorgen als der lädierte Ellbogen. Der Doktor ordnete einen Ultraschall der Lunge an und schickte ihn sofort nach Münsterlingen für weitere Untersuchungen. «Als die Ärzte im Spital dann nach dem zweiten Ultraschall meinten, ich sollte mit meinen Eltern nach Hause fahren, Kleider für zwei Wochen einpacken und die Onkologie im Unispital Zürich aufsuchen, dämmerte es uns was da auf der Lunge lag», sagt er.
Im Unispital Zürich angekommen, bekam er die Diagnose Lymphdrüsenkrebs und fiel zusammen mit seiner Familie, die stets an seiner Seite stand, aus allen Wolken. «Als ich das erste Mal von einem Arzt hörte, dass es wirklich Krebs sei, war ich zuerst einfach nur baff und ungläubig», so der Sirnacher. Für Hofmann war aber klar, dass er im Kampf gegen den Krebs eine optimistische Einstellung brauchte.
Bestrahlung und erschöpfte Tage
Je länger die Behandlung dauerte, desto mehr nahm sie Einfluss auf den Alltag des damals 14-Jährigen: «Anfangs konnte ich fast problemlos weiterhin zur Schule gehen und fehlte nur selten. Später habe ich teilweise ganze Wochen gefehlt, weil ich einfach zu erschöpft war.» Am schlimmsten war für ihn die Zeit, als die Abwehrkräfte nachliessen und er
sich nicht mehr mit Freunden treffen durfte, obwohl der Jugendliche sich fit fühlte. Mut in der schweren Zeit gaben ihm die Ärzte, seine Familie und seine Freunde. «Die Ärzte haben viel Verständnis und Empathie gezeigt und uns sehr ausführlich informiert, was bevorstand», sagt er. Den leidenschaftlichen Gamer hat besonders gefreut, dass er seine Spielkonsole aus dem Kinderzimmer ins Spital zügeln durfte. Aber nicht nur er erlebte grosse Solidarität, sondern auch der Rest der Familie. «Bekannte und Freunde haben meine Eltern auch mit kleinen Dingen unterstützt. Für meinen älteren Bruder wurde von anderen Eltern gekocht, sobald meine Mutter mit mir wieder nach Zürich musste», sagt der Jüngere der beiden «Hofmänner». Er kämpfte sich schlussendlich durch wöchentlich ein bis zwei Sitzungen und über zehn Bestrahlungen.
Ein Wechselbad der Gefühle
Der Krebs wurde bei Joel Hofmann relativ früh entdeckt. «Die Ärzte waren von Anfang an optimistisch, mich mit der Behandlung heilen zu können. Alles, was ich tun konnte, war, auf die Ärzte zu vertrauen, also tat ich dies», sagt der lebenshungrige Mann. Angst war für ihn dennoch ein ständiger Begleiter. «Natürlich fürchtet man sich davor, dass die Ärzte sich vielleicht geirrt haben oder etwas übersehen haben könnten», betont er, stellt aber klar fest: «Angst war nie eine dominierende Emotion.»
Ein zweites Leben gestartet
Knapp neun Jahre nach der Diagnose gilt Hofmann heute als geheilt. Alle zwei Jahre steht allerdings der Termin für die Nachkontrolle in seiner Agenda. Er absolvierte in der Zwischenzeit eine Lehre auf dem Grundbuchamt und zog mit seinem Bruder zusammen in eine eigene Wohnung in Sirnach.
Die Angst von damals ist nicht mehr sein ständiger Begleiter, sagt er und fügt an: «Heute lebe ich bezüglich Krebs angstfrei.» Das Erlebnis hat nicht nur auf der physischen Ebene Konsequenzen, sondern auch auf der psychischen. «Die Sichtweise auf mein Leben hat sich seit der Diagnose verändert», sagt der Naturliebhaber und vertritt eine klare Haltung: «Das Leben ist da, um gelebt zu werden. Niemand weiss, wann es mit einem zu Ende gehen wird, also lebe jetzt.» Anlässlich der Weltkrebstags findet er, dass das Bewusstsein in der Bevölkerung gegenüber Krebs zugenommen hat. «Ich höre schon von Gleichaltrigen, die sich bereits jetzt vorsorglich untersuchen lassen. Dennoch finde ich, dass weitere Öffentlichkeitsarbeit sehr wichtig ist», so der junge Mann.
Die Geschichte von Leandra Signer beginnt im Winter 2019 mit einer vermeintlichen Grippe
«Ich war während sechs Wochen krank und hatte starke Grippesymptome. Dazu kam auch Nachtschweiss, über den ich mich wunderte», sagt die heute 22-Jährige. Die starke Müdigkeit und die schwindenden Kräfte schob sie zuerst auf die Grippe.
Nach einer Computertomographie konnte man in ihrem Bauch aber erkennen, dass die Lymphknoten angeschwollen waren. Ihr Hausarzt konfrontierte sie dann mit der Krebsdiagnose. «Es war sehr unrealistisch und im ersten Moment wusste ich gar nicht, was eine Krebsdiagnose konkret bedeutete», so die gelernte Detailhandelsfachfrau und fügt an: «Ich konnte es gar nicht so recht greifen, der Krebs als Krankheit war immer weit weg in meinem Leben bis dahin.» Das schlägt sich auch in ihren heutigen Gefühlen nieder. «Wenn ich zurückdenke, dann war die erste Phase eine Achterbahn der Gefühle sondergleichen», so Signer.
Ein turbulentes Jahr 2019
Nach der Diagnose im März ging es für Leandra Signer sofort ins Spital. Ihr Krebs war bereits im vierten Stadium und hatte die Leber und die Milz befallen. Somit war eine Chemotherapie unausweichlich. «Zum Glück ging meine Chemotherapie nur vier Zyklen, da sich der Krebs bereits nach zwei zurückgebildet hatte», sagt sie. Ende Juni 2019 waren die vollen vier Zyklen beendet. Bei einer Nachuntersuchung durch einen anderen Spezialisten kamen im September aber weitere Krebszellen unter dem linken Schlüsselbein zum Vorschein. «Im Oktober musste ich während drei Wochen diesen einen Lymphknoten bestrahlen lassen», so die Sportbegeisterte. Im Dezember war auch die letzte Bestrahlung geschafft und bei der Abschlussuntersuchung gaben keine aggressiven Zellen mehr an. Ein wichtiger Anker für Signer in dieser Zeit waren ihre Familie und ihre Freunde, die ihr Rückhalt gaben: «Mein Umfeld hat Rücksicht genommen und ist den schweren Weg gemeinsam mit mir gegangen. Das gab mir viel Kraft und Mut.» Die Onkologen und das Pflegepersonal sorgten sich nicht nur um den physischen, sondern auch um den psychischen Zustand der damals 20-Jährigen. «Ich bekam auch ausserhalb meines persönlichen Umfelds viel Zuspruch. Zum Beispiel von den Ärzten, die mir oft gesagt haben, dass ich das schaffen werde», so Signer.
Positive Einstellung erarbeitet
Angst war für Leandra Signer zu Beginn ein täglicher Begleiter. Doch je weiter sie sich durch die Krankheit kämpfte und je stärker sie den Rückhalt ihrer Liebsten spürte, klang diese langsam ab. «Ich habe von Anfang an an eine Heilung geglaubt, denn, wenn man daran glaubt, dass die Sache gut kommt, kommt sie auch gut», sagt sie. Die schwierige Zeit hat ihr dennoch viel gegeben. «Meine Freunde haben bewiesen, dass ich auf sie zählen kann. Ich weiss, dass ich bei ihnen in guten Händen war und auch immer noch bin», meint sie. Auf der Onkologie sah Leandra Signer mit eigenen Augen, wie es auch anders hätte ausgehen können. «Zum Glück konnte ich das Spital ohne einen allzu grossen Schaden wieder verlassen», sagt sie mit einem Lächeln. Die sportliche Frau war schon vor der Diagnose eine lebenshungrige Person, die auch die kleinen Dinge schätzte. «Daran hat sich nicht viel geändert, aber man sieht die Welt nach so einem Schicksalsschlag doch mit anderen Augen», erklärt sie und fügt an: «Es gibt gewisse Dinge, die mir nach der Diagnose wesentlich wichtiger erscheinen, als dass sie es vorhin waren.»
Zurück im alten, neuen Leben
Seit rund zwei Jahren gilt Leandra Signer als geheilt und sie kämpfte sich Schritt für Schritt wieder zurück in ihr Leben. Heute ist sie dieselbe lebenslustige junge Frau wie vor der Diagnose. «Ich muss alle sechs Monate in eine Kontrolluntersuchung. Davor mache ich mir jeweils schon Gedanken, ob alles wirklich noch im Lot ist. Bis jetzt ist es zum Glück so», sagt die Turnerin der Damenriege Eschlikon. Der Weltkrebstag lässt Leandra Signer zum Schluss kommen, dass doch viel getan wird im Kampf gegen die Krankheit. «Ich finde, man soll das Thema enttabuisieren. Man darf und soll darüber reden. Es geht einem viel besser, wenn man einen offenen Austausch pflegt», so die 22-Jährige. Leandra Signer möchte auch anderen Krebspatienten, die aktuell Schlimmeres durchstehen, Mut machen. «Man darf einfach nicht den Kopf hängen lassen», sagt sie. Der Glaube an einen positiven Ausgang und die Unterstützung durch Familie und Freunde haben ihr dabei geholfen, die Krankheit zu überstehen und davon zu erzählen
Weltkrebstag 2022
Der Weltkrebstag ist jährlich auf den 4. Februar datiert und findet in diesem Jahr unter dem Motto «Versorgungslücken schliesen» statt. Der Tag hat zum Ziel, die Vorbeugung, Erforschung und Behandlung von Krebserkrankungen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. In diesem Jahr jubiliert der Weltkrebstag zum 22. Mal. Der Tag wurde von der Schweizer Organisation «Internationale Vereinigung gegen Krebs» in Zusammenarbeit mit der WHO ins Leben gerufen. Am 4. Februar schliessen sich jährlich Hunderte Organisationen zusammen und solidarisieren sich mit Krebserkrankten. So auch die Krebsliga Thurgau. «Die Krebsliga Thurgau macht an diesem Tag aufmerksam auf das Thema mit Medienplatzierungen auf verschiedenen Kanälen», erklärt Cornelia Herzog-Helg, Geschäftsleiterin der Krebsliga Thurgau und fügt an: «Die Krebsliga Thurgau braucht die Öffentlichkeitsarbeit als Verbindung zur Gesellschaft. Diese nutzen wir als Sprachrohr für die Anliegen der Krebserkrankten, aber auch deren Angehörigen.» In der Schweiz gibt es jährlich 42'500 Krebs-Neuerkrankungen. Von 200 Schweizern trifft es pro Jahr einen. Jährlich sterben 17'000 Menschen an den Folgen der Krankheit. Die Überlebensrate fünf Jahre nach der Diagnose liegt bei Männern bei 64 Prozent und bei Frauen bei 67 Prozent. Lungenkrebs fordert in der Schweiz die meisten Todesopfer, dicht gefolgt von Dickdarm- und Brustkrebs. Weitere Informationen sind zu finden unter www.krebsliga.ch
Von Jan Isler
Lade Fotos..