Ramon Gschwend
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Im Januar soll das Brückenangebot Inkluzone38 von Frédéric und Karin Niedermann für neurodivergente Jugendliche starten. Bis dahin müssen in den Räumlichkeiten an der Herrenhofstrasse 38 in Uzwil noch einige Umbauarbeiten getätigt werden.
Frédéric und Karin Niedermann setzten sich mit dem Verein Inkluzone unter anderem für Kinder mit Autismus oder ADHS ein. Ab Januar soll in Uzwil ein neues Brückenangebot für Jugendliche entstehen.
Uzwil Sie sind in unbekannten Umgebungen und lauten Räumen mit vielen Leuten oft überfordert: Neurodivergente Menschen brauchen vielfach Unterstützung, um sich in Alltagssituationen einzufinden. Frédéric und Karin Niedermann sind dreifache Eltern, zwei ihrer Kinder haben eine Autismusdiagnose. Sie setzen sich mit ihrem Verein Inkluzone bereits seit zwei Jahren für neurodivergente Menschen ein. Nun wollen die beiden ein Angebot schaffen, das solchen Jugendlichen nach der obligatorischen Schulzeit den Einstieg in die Berufswelt erleichtern soll.
«Menschen mit Autismus oder ADHS können oft ihr Potenzial nicht ausleben, weil das Setting nicht passt», betont die Uzwilerin Karin Niedermann. Autismus und ADHS sind Formen neurodivergenter Ausprägungen. Neurodivergenz ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Arten, wie das Gehirn Reize wahrnimmt und Informationen verarbeitet. Dazu gehören auch Hochbegabung, Dyslexie und Dyskalkulie. Neurodivergente Menschen haben aufgrund dieser Ausprägungen oft besondere Bedürfnisse, weiss die 44-Jährige. So etwa nach mehr Ruhe, klarer Kommunikation, Struktur und flexiblen Bedingungen.
Frédéric Niedermann ist als Jobcoach und Arbeitsagoge in einer Timeoutschule in St.Gallen tätig. Seine Partnerin begleitet Familien mit neurodivergenten Kindern und berät Betroffene sowie deren Angehörige während und nach der obligatorischen Schulzeit. Zudem bietet sie Beratungen für Schulen und Jobcoachings für neurodivergente Jugendliche und Erwachsene an. «Als Eltern zweier autistischer Kinder haben wir einen besonderen Zugang zur Thematik», betont Karin Niedermann. Die beiden Eltern stellen immer wieder fest: Im Übergang zwischen Schule und Ausbildung gibt es für einen bestimmten Teil neurodivergenter Jugendlicher eine Lücke. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene mit Autismus und/oder ADHS, die über ein gutes bis sehr gutes Potenzial verfügen – also Jugendliche, die früher häufig als «hochfunktional» bezeichnet wurden – würden oft überschätzt. «Sie sind intelligent, haben ausgeprägte Interessen und teilweise erstaunliche Fähigkeiten. Gleichzeitig können sie an Dingen scheitern, die von aussen ganz selbstverständlich wirken», so die Uzwilerin. Weil sie sich sprachlich gut ausdrücken können oder in einzelnen Bereichen sehr leistungsfähig sind, werde schnell angenommen, sie müssten den normalen Schul- oder Ausbildungsalltag ebenfalls problemlos bewältigen können. «Das Potenzial ist vorhanden – aber Potenzial und Belastbarkeit sind nicht dasselbe», betont der 49-jährige Frédéric Niedermann. Nach der obligatorischen Schulzeit, sei deshalb an eine Lehrstelle am Anfang häufig noch gar nicht zu denken.
Mit dem Angebot Inkluzone38 möchte das Paar für solche Jugendliche im Rahmen eines Brückenangebots einen stabilen Rahmen bieten. «Unser Ziel ist, dass junge Menschen mit viel Potenzial nicht vorschnell aus der Arbeitswelt herausfallen», sagt Karin Niedermann. «Wir möchten verhindern, dass vor allem die Frage im Raum steht, ob ein Jugendlicher dauerhaft auf eine Rente angewiesen sein wird», ergänzt Frédéric Niedermann. Zwar gebe es bereits andere Übergangslösungen zwischen Schule und Lehre, diese würden allerdings oft auch von verhaltensauffälligen Jugendlichen genutzt. «In solchen Angeboten gehen neurodivergente Jugendliche oft unter – oder sie sind so überfordert, dass sie gar nicht erst hingehen», so der Uzwiler. Beim Angebot des Ehepaars gehe es anfänglich vor allem um Stabilität im Alltag. Nach und nach würden dann Themen wie schulisches Lernen, berufliche Orientierung und erste praktische Erfahrungen in den Fokus gerückt. Die beiden wollen die Jugendlichen, ihre Eltern und die Ausbildungsbetriebe auch während der Lehre weiterhin begleiten.
Das Brückenangebot soll Anfang des nächsten Jahres starten. Bis dahin haben die Eltern noch einiges zu tun: Aktuell bauen sie die Räumlichkeiten in Niederuzwil um. Beim Besuch dieser Zeitung ist Frédéric Niedermann gerade dabei, die Wände neu zu streichen. An der Herrenhofstrasse 38 sollen ein Lernatelier, ein Büro, eine kleine Werkstatt, eine Küche und ein Ruheraum entstehen, zählt der 49-Jährige auf. Der Standort bietet Platz für bis zu sechs Jugendliche. «Wir halten die Anzahl der Plätze bewusst tief», sagt Karin Niedermann. Nur so sei es möglich, auf die individuellen Bedürfnisse der Jugendlichen einzugehen und ihnen ein ruhiges, überschaubares Setting zu bieten.
Für den Aufbau des Angebots läuft bis zum 31. Oktober ein Fundraising über die Crowdfunding-Plattform «Lokalhelden». Mit den gesammelten Geldern wollen die Niedermanns die Einrichtung und Ausstattung der Räume sowie Materialien finanzieren. Nach dem Start im Januar will das Paar in einem weiteren Schritt das «Café38» eröffnen. Im ehemaligen Kiosk im selben Gebäude sollen die Jugendlichen die Möglichkeit erhalten, erste Erfahrungen in einem realitätsnahen Arbeitsumfeld zu sammeln. Das Café soll dabei als zusätzliches Praxisfeld dienen und den geschützten Rahmen mit konkreten Arbeitserfahrungen verbinden.
Linda Bachmann
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