Sophie Ullmann
stellt den Verein «impul-z» im WN-Vereins-Domino vor.
Die Stadt Wil und der Kanton St.Gallen stellten die Grünaustrasse als bestmögliche Variante für die Netzergänzung Ost vor. Obwohl sie eine der günstigeren Lösungen zur Verkehrsentlastung ist, hat sie Gegner.
Wil Könnte ein Tunnel das Verkehrsproblem im Osten der Stadt Wil lösen? Diese Frage beschäftigt die Wilerinnen und Wiler seit Jahren. Das Stadtparlament gab dem Stadtrat 2018 mittels eines Postulats den Auftrag, Varianten für die Netzergänzung Ost zu prüfen – insbesondere auch eine Tunnellösung. In Zusammenarbeit mit dem Kanton St.Gallen hat die Stadt verschiedene Umfahrungsvarianten verglichen. Daraus resultierte die Grünaustrasse als einzige zweckmässige Variante. «Ihr Kosten-Nutzen-Verhältnis liegt deutlich im positiven Bereich und sie weist klare Vorteile gegenüber allen anderen Varianten auf», teilte die Stadt kürzlich in einem Schreiben mit, in dem sie auch auf das aktuell laufende Mitwirkungsverfahren zum Projekt aufmerksam machte. Mit diesem Resultat ist der ehemalige Parlamentarier und Kantonsrat der Grünen Guido Wick nicht einverstanden. «Ich sehe in der Grünaustrasse für die Wiler Bevölkerung nur Nachteile», hält er dagegen. «Es ist grobfahrlässig, wenn man sich als Vertreter der Stadt mit einer solchen Lösung zufrieden gibt.»
Die Grünaustrasse soll vom Gamma-Kreisel am Rande der Kloster-wiese entlang bis zur Konstanzer-strasse führen und so das Zentrum der Stadt Wil vom Durchgangsverkehr entlasten. Die Netzergänzung Ost ist Teil des Stadtentwicklungs- und Mobilitätsprojekts «Wil Vivendo». «Die Stadt Wil betont in ihrem Stadtentwicklungskonzept den Fokus auf die Schaffung und Pflege von Naherholungsgebieten. Zugleich soll eine stark befahrene Strasse über die Klosterwiese gebaut werden – ein Widerspruch, der für mich nicht nachvollziehbar ist», so Guido Wick. Im aktuellen Planungsbericht des Stadtentwicklungskonzepts wird die Klosterwiese als einer von drei grosszügigen Grünräumen aufgezählt. Allgemein sollen Grünräume aufgewertet und gefördert werden. «Wenn die Stadt ihre eigene Planung ernst nehmen würde, würde sie keine Hochleistungsstrasse durch oder entlang der grünen Wiese zulassen.»
Zusätzlich zum Verlust von bereits knapper Grünfläche, so der ehemalige Parlamentarier, wären direkte Anwohnende der neuen Verbindung erhöhten Lärmemissionen und Sicherheitsrisiken ausgesetzt. «Die Grünaustrasse würde die Lebens- und Wohnqualität Tausender Leute von Rossrüti, Nieselberg bis Weidle beeinträchtigen», betont er. Die Umsetzung der Grünaustrasse setzt gemäss den Verantwortlichen von Stadt und Kanton den Bau einer Lärmschutzwand voraus. «Ich kenne keine Stadt, die sich eine neue Strasse mit Lärmschutzwand bauen lässt. Eine Riesenmauer direkt durch die Stadt würde die Attraktivität von Wil erheblich herabsetzen», sagt Wick. Dazu komme die Trennwirkung, welche die Strasse bereits ohne hohe Wände hätte, und der Mehrverkehr auf anderen Strassen, wie der Konstanzer- und der Georg-Renner-Strasse. Der Wiler wohnt nicht unweit des Grünauwegs. Auf die Frage, ob er sich aus Eigeninteresse gegen die Grünau-Variante einsetzt, sagt er: «Als Grüner muss ich vermutlich nicht beweisen, dass ich die Zerstörung von Naturflächen generell kritisch betrachte.» Auch bei der Netzergänzung Nord habe er sich für eine landschaftsschonende Variante mit Tunnel eingesetzt. Dies entspreche seiner Grundhaltung, egal wo er wohne. «Mein Grundstück liegt an der Fürstenlandstrasse. Diese wird laut Stadt mit dem Bau der Verbindungsstrasse eher entlastet. Ich gehöre als Eigentümer also sogar leicht zu den Profiteuren, im öffentlichen Raum wie alle aber auch zu den Verlierern.» Es gehe ihm um den langfristigen Nutzen für die Stadt Wil.
Bereits 2003 hatten die Wilerinnen und Wiler den Bau der Grünaustrasse deutlich abgelehnt. «Dass die Stadt nun wieder mit dem Projekt um die Ecke kommt, zeugt von einer gewissen Ignoranz gegenüber dem Stimmvolk», betont Guido Wick. Zwar könne er sich nicht vorstellen, dass die Äbtestädter ihre Meinungen nun ändern würden. Aktuell wurde erst die Variantenstudie durchgeführt und deren Resultate vorgestellt. Konkrete Projekte verfolgt die Stadt noch nicht. Trotzdem findet es der Wiler nicht zu früh, um zu intervenieren. «Ich will verhindern, dass gigantische Summen für eine Planung ausgegeben werden, die am Ende doch wieder im Papierkorb landet.» Denn neben Kriterien wie Belastung von Siedlung und Umwelt, Verkehrssicherheit und -qualität haben bei der Überprüfung der verschiedenen Umfahrungsvarianten auch die Kosten eine wesentliche Rolle gespielt. Gemäss Analysebericht ist die Grünaustrasse mit knapp 14 Millionen Franken die zweitgünstigste Variante. Ein Tunnel wird erst ab knapp 170 Millionen realisiert, eine über- und unterirdische Kombination ab 112 Millionen Franken.
«Auch wenn die Stadt sparen muss – das Preisschild sollte für die Wilerinnen und Wiler kein ausschlaggebendes Argument sein», betont Wick. Der Grossteil der Projektkosten muss der Kanton tragen: Da es sich bei der geplanten Verbindung um eine übergeordnete Kantonsstrasse handelt, liegt die Federführung beim Tiefbauamt des Kantons St.Gallen. Die Stadt Wil bringt vor allem städtebauliche und verkehrsplanerische Interessen ein. «Die Grünaustrasse ist in dieser Hinsicht die beste Lösung für das Portemonnaie des Kantons St.Gallen, der Kanton spart also auf Kosten der Stadt», erklärt der ehemalige Parlamentarier. Für ihn steht fest: «Zwischen Kanton und Stadt besteht ein Interessenskonflikt. Dieser sollte klar adressiert werden. Würde unter anderem die Beeinträchtigung des Ortsbilds und Naherholungsgebiets sowie die Trennwirkung angemessen monetarisiert, wäre ein direkter Tunnel für alle Parteien die zweckmässige Variante. Die Verantwortlichen der Stadt müssen sich für die Interessen von Wil einsetzen.» So wie Wick es seinerzeit mit Parlamentsmandat getan habe. Für ihn ist die Tunnellösung ein Kompromiss mit dem viele Befürworter und Gegnerinnen der Grünaustrasse leben können.
«Die nachhaltigste Lösung wäre es, die Strassenräume so umzugestalten, dass mehr Leute aufs Velo und attraktive Fusswege umsteigen», betont der Wiler. Die Strassen sollten für den Veloverkehr so sicher sein, dass auch Familien mit Kindern die Strecke gefahrlos bewältigen können. «So würde nicht nur das Verkehrsproblem entschärft, sondern auch die gesundheitliche Situation der Gesellschaft positiv beeinflusst. Leider ist dies realpolitisch aktuell nicht möglich», gibt er zu. Ein Tunnel statt einer oberirdischen Umfahrungsstrasse sei realistisch und trotz hohem Kostenpunkt nicht zu viel verlangt. «Schliesslich haben einige Ortschaften im Kanton St.Gallen in Richtung Toggenburg einen Tunnel. Es gibt keinen Grund, weshalb der Kanton für Wil keinen bauen sollte.»
Die Sicht der Stadt Wil und des Kantons St.Gallen folgt in der nächsten Ausgabe. Bis Redaktionsschluss ist keine Stellungnahme von den verantwortlichen Personen eingetroffen.
Mitwirkungsverfahren läuft: Die Wilerinnen und Wiler können sich im Rahmen des Mitwirkungsverfahrens online unter: mitwirken.stadtwil.ch bis am 20. Juni zu den verschiedenen
Varianten für die Netzergänzung Ost äussern.
Linda Bachmann
Lade Fotos..