Sophia Erni
gewann den Thurgauer Malerlehrlingswettbewerb mit Äpfeln.
Mit ihrem Defender besuchten Toby und Martina Baumeler eine iranische Land-Rover-Werkstatt. Es handelte sich nur um einen
kleinen Check-up vor einer grösseren Wüstentour.
Die Gewalt im Nahen Osten erschüttert die Welt. Stündlich neue Meldungen, wachsende Angst – auch bei einem Ostschweizer Ehepaar mit engen Verbindungen in die Region. Der Kontakt ist abgebrochen. Seit Tagen.
Die Eskalation im Nahen Osten lässt Martina und Toby Baumeler nicht los. Während sich die Schlagzeilen überschlagen und die Informationslage teils widersprüchlich bleibt, kreisen ihre Gedanken immer wieder um ein kleines Dorf im Norden des Iran. Seit dem 12. Februar haben sie nichts mehr von ihrem engen Freund Behi gehört. Bereits im
Januar, während der Revolutionsbewegung, war der Kontakt zeitweise komplett abgebrochen. «Damals wussten wir zumindest, warum nichts kommt», sagt Martina. «Jetzt ist es einfach still. Und das ist beunruhigend.» Behi ist laut Martina Baumeler systemkritisch. Zwischenzeitlich sei er nach Teheran gegangen, um «unter dem Radar» zu bleiben. «Er hat uns nie Fakten geschickt, sondern eher über Wünsche und Hoffnungen geschrieben», erzählt Toby Baumeler der in Lenggenwil arbeitet. Politische Details seien schwer zu verifizieren gewesen. Doch die Sehnsucht nach Freiheit, nach einem selbstbestimmten Leben, sei in jeder Nachricht spürbar gewesen.
Winterreise durch den Iran
Am 23. Dezember 2021 reiste das Ehepaar Baumeler im tiefsten Winter in den Iran ein. Im Norden war es eisig kalt, Schnee lag in den Bergen. Zweieinhalb Monate lang durchquerten sie das Land mit ihrem selbstausgebauten Defender – vom Norden bis in den Süden, quer durchs Land bis nahe an die pakistanische Grenze. Nur den Westen liessen sie aus. Der Iran war für das Ehepaar ein zentraler Abschnitt ihrer grossen Reise entlang der historischen Seidenstrasse. «Uns war klar, dass dieses Land ein wesentlicher Teil davon ist», sagt Martina Baumeler. Doch was sie erlebten, übertraf ihre ohnehin hohen Erwartungen. «Seit diesem Moment sagen wir: Wer Fernreisen liebt, für den ist der Iran ein Go-to-Land.» Schon beim Grenzübertritt sei die Veränderung spürbar gewesen. «Du riechst ein Land. Die Gerüche, die Kleidung der Menschen, die Architektur. Es ist eine komplett andere Welt.» Die Kontraste hätten sie sofort fasziniert. Alte Lehmstädte, moderne Strassen, weite Wüstenlandschaften, schneebedeckte Berge im Norden. Und vor allem: die Menschen.
Gastfreundschaft und Gegensätze
«Wir mussten teilweise kreative Ausreden finden, warum wir eine Einladung nicht annehmen können», erzählt Toby Baumeler lachend. Kaum hätten sie irgendwo gehalten, seien sie angesprochen worden. Ein Tee hier, ein Essen dort, eine Übernachtung bei einer Familie. Die Gastfreundschaft sei überwältigend gewesen. Gleichzeitig erlebten sie im Iran starke gesellschaftliche Gegensätze. Auf der Strasse wirkten viele Menschen konservativ, Frauen mit Kopftuch, klare Regeln, sichtbare Zurückhaltung. Doch kaum schloss sich eine Haustür, habe sich die Atmosphäre verändert. «Das Kopftuch war weg, die Musik lief, es wurde diskutiert und gelacht», sagt Martina Baumeler. Selbst Alkohol sei im Privaten konsumiert worden – obwohl offiziell verboten. «Zuhause war es eine andere Welt.» Viele hätten offen Kritik am politischen System geäussert. «Welche Informationen sollen wir überhaupt konsumieren?», hätten manche gefragt. Es sei eine grosse Unsicherheit spürbar gewesen. Gleichzeitig aber auch eine leise, beständige Untergrundbewegung. Der Wunsch nach Freiheit, nach internationalem Austausch, nach der Möglichkeit, Produkte frei zu kaufen und die eigene Freizeit selbst zu gestalten. «Sie wollten leben wie wir», sagt Martina Baumeler. «Nicht im Luxus, sondern einfach frei.»
Ein Land, das prägt
Nach ihrer Weiterreise über die arabische Halbinsel erzählten die Baumelers oft vom Iran. Die Reaktionen seien unterschiedlich gewesen. Manche hätten mit Misstrauen reagiert, andere mit grossem Interesse. «Viele wollten genau wissen, wie es wirklich ist.» Für das Ehepaar steht fest: Die Erfahrung vor Ort unterscheidet sich stark von medialen Bildern. «Als Reisende sind wir nahe bei den Menschen. Unsere Erfahrung zeigt, dass es differenzierter ist als Schlagzeilen vermuten lassen.» Der Iran habe sie von allen bereisten Ländern am meisten gepackt. «Diese Offenheit, diese Herzlichkeit – das liegt uns bis heute am Herzen.» Insgesamt waren sie zweieinhalb Jahre unterwegs, reisten auch durch Israel, Sudan und Äthiopien – Länder, die ebenfalls von Spannungen oder Konflikten geprägt sind. «Wir wissen aus Erfahrung: Das Leben geht weiter. Auch in Krisengebieten.» Und doch sei das Risiko real. «Die Gefahr ist heute höher, das ist klar», sagt Toby Baumeler.
Sorge um Freunde
Besonders schwer wiegt die Ungewissheit um Behi. Er lebt in einem Dorf im Norden. «Ich hoffe einfach, dass er sicher ist», sagt Martina Baumeler. Der fehlende Kontakt sei ungewöhnlich. «Normalerweise meldet er sich. Und wenn es nur ein kurzes Zeichen ist.» Die Baumelers verfolgen die Lage über SRF, «Watson» und andere Medien. Doch konkrete Informationen aus ihrem Freundeskreis fehlen. «Der Gedanke ist da, dass etwas passiert sein könnte», sagt Toby Baumeler offen. «Aber wir wissen es nicht.» Heute Morgen hätten sie sich gefragt, was sie selbst in einer solchen Situation tun würden. «Vielleicht würden wir nicht abreisen, sondern eher in die Natur gehen, raus aus den Städten», überlegt Martina Baumeler.
Der Iran im Kino
Aus ihrer zweieinhalbjährigen Reise ist ein Film entstanden – fast zufällig. «Wir hatten das nie geplant», sagt Toby Baumeler. Der Dokumentarfilm mit dem Titel «Immer weiter» kommt im Frühherbst in die Schweizer Kinos. Der Iran bildet darin das erste Fokusland. «Das ist kein Zufall», so Martina Baumeler.
Lui Eigenmann
Eigentlich wollte der Inhaber eines Ostschweizer Immobilienunternehmens, Gabriele Rizzo, mit seiner Frau und den beiden Kindern zehn Tage lang unbeschwerte Ferien in der sommerlichen Wärme von Dubai verbringen. Bis zum letzten Samstag lief alles nach Programm: Die Rizzos genossen Ausflüge, Erholung am Meer oder am Pool und die Annehmlichkeiten des Hotels. Sorgen über mögliche Unruhen hatte er sich nicht gemacht: «Vor unserer Abreise gab es keine konkreten Warnungen vom EDA oder anderen Behörden bezüglich Dubai.» Bis am letzten Samstag kurz vor 16 Uhr. «Wie aus dem Nichts haben wir da erstmals Detonationen gehört und kurz darauf offizielle Warnmeldungen über das staatliche Notfallsystem erhalten. Dabei handelte es sich gemäss Behördenangaben um abgefangene Raketen und Drohnen», so Rizzo. Eine Panik unter den Hotelgästen und anderen Touristen sei aber bis auf ein paar verunsicherte Gäste nicht ausgebrochen: «Natürlich macht man sich Gedanken, aber wir haben auch aufgrund der Kinder möglichst besonnen reagiert und versucht, ruhig zu bleiben.» Anders war es hingegen in der darauffolgenden Nacht im Hotelzimmer. «In der Nacht, als der Alarm losging, war es für mich kaum auszuhalten, die Angst in den Kinderaugen zu sehen. Wir versuchten und versuchen, ruhig zu bleiben und Stärke zu zeigen, damit sie sich sicher fühlen. Natürlich stellen sie viele Fragen. Wir erklären ihnen die Situation so gut es geht. Solange wir ruhig bleiben, bleiben auch sie gefasst», schreibt Rizzo auf Anfrage weiter. Schlimm sei die Ungewissheit, nicht zu wissen, wie es weitergehe. Da einige Raketen in unmittelbarer Nähe des Hotels abgefangen wurden, in dem die Familie hinter einer grossen Glasfront wohnen, sei ein Umzug ins Landesinnere ein Thema, meinte Rizzo: «Da würden wir uns etwas geschützter fühlen. Denn auch wenn die Abwehrsysteme funktionieren, fühlt man sich mitten in Dubai exponiert.» Im Moment könnten sie sich zumindest in der Hotelanlage frei bewegen. Sie hätten zudem versucht, die zuständige Schweizer Vertretung in Dubai zu kontaktieren, konnten allerdings noch niemanden erreichen, schrieb Rizzo am Montag. «Daher verfolgen wir die offiziellen Mitteilungen der Behörden sowie internationale Nachrichten», so Gabriele Rizzo. Wann er und seine Familie zurückkehren können, weiss er nicht: «Der Luftraum ist derzeit gesperrt, weshalb momentan keine regulären Flüge stattfinden. Wir hoffen, dass sich die Lage bald stabilisiert und der Flugverkehr wieder aufgenommen wird.»
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