Ramon Gschwend
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Marcel Kräutli ist Vater einer leiblichen Tochter und zweier Pflegetöchter. Als Familienbegleiter, Erziehungscoach und Väterberater unterstützt der 51-Jährige (werdende) Väter, sich in ihrer Rolle zu Recht zu finden.
Das gesellschaftliche Rollenbild des Vaters hat sich in den letzten Jahren stark verändert: Er soll sich stärker ins Familienleben integrieren und vor allem mehr Care-Arbeit leisten. Der Väterberater Marcel Kräutli hilft ihnen, mit ihrer Rolle zurechtzukommen.
Wil Marcel Kräutli ist Vater von drei Töchtern zwischen acht und elf Jahren. Er verbringt gerne viel Zeit mit seinen Kindern. Die Care-Arbeit haben sich der 51-Jährige und seine Frau gleichmässig untereinander aufgeteilt. «Es gibt Momente, an denen ich an meine Grenzen komme, und auch darüber hinaus», gibt er zu. «In grosso modo macht es aber viel Spass.» Mit seinen eigenen Erfahrungen möchte der ausgebildete Sozialarbeiter und Psychosoziale Berater anderen Vätern helfen, sich in ihrer Rolle besser zurechtzufinden. Er hat im Familienzentrum Viva der Stadt Wil ein neues Angebot nur für die männlichen Elternteile lanciert: In den Väterfragen-Gesprächsrunden sollen sich Väter zu Unsicherheiten oder Problemen untereinander austauschen und gegenseitig von Erfahrungen anderer Teilnehmender profitieren können. Häufig vorkommende Themen sind laut Marcel Kräutli Überforderung – auch im Zusammenhang mit dem sich wandelnden Rollenbild des Vaters.
«Aus meiner Perspektive ist es ein Privileg, Papi zu sein und die Care-Arbeit 50/50 aufzuteilen. So habe ich die Möglichkeit, meinen Kindern nahe zu sein», betont Kräutli. Trotzdem werde die Care-Arbeit auch heute noch zum Grossteil von Frauen übernommen, weiss er. Das sei ein Ergebnis der patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft. Obwohl heutzutage eigentlich viel mehr Männer bereit seien, ihr Arbeitspensum für die Familie zu reduzieren, scheitere es an der Umsetzung. So würde zum Beispiel der Wunsch von Vätern nach einem reduzierten Arbeitspensum, seitens der Unternehmen nicht ermöglicht. «Ausserdem müssen in vielen Familien beide Elternteile arbeiten, um finanziell über die Runden zu kommen», ist sich der Väterberater bewusst. Doch nicht nur die gesellschaftlichen Anforderungen an das Vatersein würden bei Vätern Fragen aufwerfen. «Was mache ich, wenn mir meine Frau sofort das Kind in die Arme gibt, wenn ich von der Arbeit komme, ich aber in Gedanken immer noch bei der Arbeit bin? Wie gelingt es als Eltern, gleichzeitig noch Paar zu sein? Wie gehe ich damit um, wenn mir mein Vatersein nicht wunschgemäss gelingt? Wenn ich Ohnmacht, Scham, Wut im Vater- und Partnersein spüre? – Solche Fragen können in den Gesprächsrunden mit der Methode des Peercoaching besprochen werden», erklärt der 51-Jährige.
Unter Peercoaching versteht man das Bearbeiten von verschiedenen Fragestellungen in der Teilnehmerrunde. Es entsteht ein Netzwerk, in dem Erfahrungen und Lösungsvorschläge ausgetauscht werden können. «Es geht auch darum zu merken: Ich bin mit meinen Problemen nicht allein», betont Marcel Kräutli. Jede Gemeinde sei dazu verpflichtet, eine Beratung für Eltern – vorgeburtlich bis zum 5. Lebensjahr – anzubieten. Vor allem Frauen würden solche Angebote nutzen, weiss der Sozialarbeiter. Bei ungefähr 20 Prozent der Beratungen seien auch deren Partner dabei. Allein würden Männer solche Angebote noch sehr wenig nutzen. «Häufig sind die Themen schambehaftet. Viele Männer wünschen sich da ein gleichgeschlechtliches Gegenüber. Männliche Beratungspersonen gibt es in diesen Settings aktuell aber noch sehr selten.»
Mit den «Väterrunden» will Kräutli nicht nur Väter unterstützen, er möchte «involviertes Vatersein propagieren» und Vorbilder für die kommende Generation schaffen: «Ich wünsche mir für unsere Kinder, zu erleben, dass es der Papi genauso gut macht, wie das Mami – dass beide gleich verlässlich und verfügbar sind.» Söhne sollen zum Beispiel auch kochen und trösten können wollen, weil es der Vater so vorgelebt hat. Und Töchter sollen später im Leben einen Partner wollen, der ebenso die Care-Arbeit übernimmt, wie sie es vom eigenen Vater kennen. «Es gibt noch einige Schritte zu machen – ein Anfang wäre die Annahme der Familienzeit-Initiative», so der 51-Jährige. «Sie würde es Vätern ermöglichen, von Anfang an Verantwortung zu übernehmen, die Bindung zu ihren Kindern zu stärken und Care-Arbeit partnerschaftlich zu teilen. Davon profitieren Kinder, Mütter und Väter gleichermassen.»
Die nächste Väterfragen-Gesprächsrunde im Familienzentrum Viva findet am 16. November, 19 – 21 Uhr statt. Anmeldung unter: www.form.jotform.com/252885391902061
Linda Bachmann und Lui Eigenmann
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