Walter Gysel
stellt den Chor Mundo Unido im WN-Vereins-Domino vor.
Aus Angst vor den Reaktionen aus ihrem Umfeld möchte Mara S.* anonym bleiben. lin
Monogamie ist die häufigste Beziehungsform in der Schweiz. Doch es gibt noch andere Arten, eine Beziehung zu führen. Jannis K.* und Mara S.* haben vergangenes Wochenende einen Polytreff in Wil organisiert. Das Paar erzählt, was es bedeutet, mehrere Personen gleichzeitig zu lieben.
Wil «Früher dachte ich immer, ich sei beziehungsunfähig», erinnert sich Jannis K.* «Ich fühlte mich wie ein Ausserirdischer, der einfach nicht ins Schema passt.» Erst, als der 33-Jährige auf den Begriff Polyamorie und dessen Bedeutung stiess, wusste er seine Gefühle einzuordnen. «Mir fiel ein riesen Stein vom Herzen, als mir bewusst wurde, dass ich damit nicht alleine bin.» Um alternative Beziehungsformen auch anderen Menschen näher zu bringen und die Leute untereinander zu vernetzen, hat er in Wil einen Polytreff organisiert.
Knapp 30 Leute trafen sich vergangenes Wochenende am Wiler Weier. Darunter Personen, die bereits alternative Beziehungsformen leben, und solche, die sich dafür interessieren. Darunter ist auch Jannis K.s Partnerin Mara S*. Sie möchte, dass die beiden in dem Artikel anonym bleiben. An vielen Orten mangele es in der Gesellschaft noch an Verständnis für die polyamore Lebensweise. «Man weiss nie, wie die Leute reagieren», erklärt Mara S.* ihre Zurückhaltung. «Ich wurde schon als Schlampe bezeichnet, weil ich als Frau in zwei Partnerschaften auch mit zwei unterschiedlichen Männern das Bett teile.» Dabei gehe es bei der Polyamorie weder nur darum, mehr Sex zu haben, noch sei es eine Beziehungsform für beziehungsunfähige Menschen, betont ihr Partner. Polyamorie überschneide sich zwar an einigen Punkten mit einer offenen Beziehung, gehe aber weit darüber hinaus.
«In offenen Beziehungen liegt der Fokus auf sexuellen Kontakten ausserhalb der Hauptbeziehung. Die emotionale Bindung ist allerdings auf die Hauptpartnerschaft begrenzt», erklärt Jannis K. In der Polyamorie gehe es darum, mehrere vollwertige Beziehungen zu führen. «In unserem Beziehungskonstrukt können und dürfen wir Gefühle zu mehreren Menschen zulassen», führt Mara S. aus. Vor der Beziehung mit Jannis K. lebte sie ausschliesslich in monogamen Konstrukten. Nachdem die beiden ihre Beziehung vor rund fünf Jahren geöffnet haben, hat sie seit zwei Jahren noch einen weiteren Partner. Für Jannis ist Mara S. aktuell die einzige Partnerin. «Zwei Beziehungen zu führen ist sehr anstrengend – die Zeit als meine Ressource ist begrenzt», betont sie. «Gleichzeitig ist es sehr erfüllend. Ich erhalte alles, was ich in die Beziehungen investiere, auch zurück.» Bis die beiden Beziehungen so funktionierten, war allerdings viel Zeit und Arbeit nötig.Jannis K. und Mara S. haben zuvor nur in monogamen Konstrukten gelebt. Im Gegensatz zu ihrem Partner, kann sich die 32-Jährige diese Beziehungsform auch wieder vorstellen. «Ich bin in das Konzept der Polyamorie reingerutscht, als ich begonnen habe, mehr Gefühle zuzulassen.» Als Jannis K. ihr vorschlug, ihre Beziehung zukünftig anders zu gestalten, sei sie sich nicht sicher gewesen, ob sie sich in einem Poly-Konstrukt wohlfühlen würde. «Es war viel Vorbereitung, Kommunikation und das Setzen von Grenzen nötig, bis wir den Schritt wagen konnten», so Jannis K. Seine Partnerin ergänzt: «Wir haben alle Was-wäre-wenn-Szenarien durchgespielt.» Von Beginn an sei klar gewesen: Wenn sich Mara S. nicht darauf einlassen konnte werde sich das Paar trennen. «Ich wollte Jannis weder einschränken, noch selbst einen zu grossen Kompromiss eingehen», erklärt sie. Ihre Eifersucht sei zu Beginn ein grosses Thema gewesen. «Wichtig ist es, dass man seine Gefühle verbalisieren kann, um gemeinsam an einer sicheren Bindung zu arbeiten. Dafür muss man sich selbst sehr gut kennen», betont sie.
Die beiden sind sich sicher: Es gäbe viele Personen, die in einem alternativen Konstrukt besser aufgehoben wären, als in einer monogamen Beziehung. «Wie sonst lässt sich die häufig vorkommende Untreue erklären?», fragt Mara S. Sie und ihr Partner wünschen sich für sich und alle anderen, dass die Gesellschaft offener wäre in Bezug auf alternative Beziehungsformen. Wichtig sei ihnen allerdings: «Eine offene Beziehung ist nicht die Lösung, um eine brüchige Beziehung zu retten. Auch in unserer gesunden Partnerschaft war es gerade in der Anfangszeit herausfordernd», betont Jannis K. «Mit guter Vorbereitung und einer Portion Glück sind wir uns aber jetzt näher als je zuvor.» Mara S. ergänzt: «Polyamorie kann genauso liebevoll, stabil und erfüllend sein wie eine monogame Beziehung – nur eben anders gelebt».
*Namen der Redaktion bekannt
Linda Bachmann
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