Arjeta Osmani
absolviert derzeit ihre Ausbildung zur Detailhandelsfachfrau.
Der Umbau des «Gare de Lion» verzögert sich weiter und zwingt das Team zum Umdenken. Statt auf Pause zu drücken, entsteht im Adler ein neues Kulturprojekt mit offenem Ausgang und grossen Ambitionen.
Wil Alte Konzertplakate lehnen an den Wänden, auf dem Boden stapeln sich Erinnerungen aus Jahrzehnten Konzertgeschichte. Im Eingangsbereich des Gasthauses Adler hängen Mike Sarbach und Oliver Wiesendanger gerade Relikte aus der Remise und dem «Gare de Lion» auf. Es wirkt ein wenig wie Nostalgie und gleichzeitig wie Aufbruch. Denn was hier entsteht, ist mehr als ein Zwischenprojekt. Es ist ein Versuch, aus einer schwierigen Situation etwas Neues zu schaffen.
Ausgangspunkt ist eine Geschichte, die in Wil viele kennen: der seit Jahren geplante Umbau des Gare de Lion. Seit 2018 begleitet das Team das Projekt, 2024 wurde der Umbau bewilligt. Doch seither verschiebt sich der Zeitplan immer wieder. Lange ging man davon aus, im Sommer 2025 ausziehen zu müssen, dann plötzlich doch nicht. Erst vor wenigen Wochen wurde klar: Der Baustart verzögert sich voraussichtlich bis 2027. Für einen Kulturbetrieb ist diese Unsicherheit Gift. «Bekanntere Acts buchen wir neun bis achtzehn Monate im Voraus», sagt Mike Sarbach. Gerade internationale Namen oder renommierte Schweizer Acts liessen sich kaum verpflichten, wenn nicht klar sei, ob und wie lange ein Spielort zur Verfügung steht. Gleichzeitig könne man wirtschaftlich nicht einfach mehr kleinere Konzerte veranstalten, um das Programmloch zu stopfen. «Das Risiko ist dort oft höher.» Die Folgen betreffen nicht nur das Programm. Rund 40 Menschen arbeiten im Gare de Lion, ein Teil ist auf das Nebeneinkommen angewiesen. Dazu kommt: Die ursprünglich erwartete sechsmonatige Umbauphase hat sich inzwischen zu zwei kompletten Saisons ausgeweitet. Für einen Betrieb, der sich zu fast 80 Prozent selbst finanziert, sei eine zweijährige Pause kaum überlebbar.
«Man kann nicht einfach auf Pause drücken und zwei Jahre später wieder bei null starten», sagt Sarbach. Ein eingespieltes Team, gewachsene Strukturen und ein Publikum müsse man aktiv erhalten, sonst werde man vergessen. Also begann die Suche nach Alternativen. Pop-up-Veranstaltungen an wechselnden Orten? Geprüft. Einzelanlässe in der Stadt? Diskutiert. Auch Ideen wie die Bespielung anderer Lokale standen im Raum. Doch schnell zeigte sich: Ohne eigene Infrastruktur, ohne Gastrobetrieb und mit zusätzlichem Aufwand für Technik und Logistik seien solche Modelle kaum tragfähig. Die Wende kam, als sich abzeichnete, dass das Gasthaus Adler frei werden könnte. Im vergangenen Herbst wurde die Idee konkret. Gespräche mit Liegenschaftsbesitzer Res Bürgi begannen, Varianten wurden geprüft. Zwar verschob sich parallel auch der Umbau-Zeitplan des Gare de Lion erneut – doch diesmal zog der Vorstand Konsequenzen.
Per Ende 2026 wird der Betrieb im «Gare de Lion» vorerst eingestellt, Weihnachten und Silvester bilden noch wichtige Abschlussmomente. Gleichzeitig soll im Adler etwas Neues entstehen: nicht als Filiale des «Gare de Lion», sondern als unabhängiger Verein. Unter dem Namen «Musikbeiz Wil» übernimmt ein nicht gewinnorientierter Träger das Projekt. Gedacht ist das Konzept bewusst niederschwellig. Keine klassische Konzertlocation, sondern ein Kulturpub mit Barbetrieb. Freitags und samstags soll regulär geöffnet sein, sonst eventbasiert. Küche gibt es vorerst keine, dafür Raum für vieles: Singer-Songwriter-Abende, Comedy, Lesungen, DJ-Sets, Spieleabende, Pub-Quiz, Filmnächte oder Public Viewing. Auch die Terrasse soll bespielt werden, etwa mit Day-Dance-Formaten oder Sommerveranstaltungen. «Wir wollen schauen, was funktioniert», sagt Wiesendanger. Vieles solle bewusst offenbleiben. Denkbar seien auch Brunch-Angebote oder Formate für Vereine, die unter der Woche Räume für kleinere Anlässe suchen. Bereits jetzt spüre man Interesse.
Offiziell startet Mitte Mai ein Testbetrieb. Die eigentliche Eröffnung ist für den 19. und 20. Juni geplant – zwischen Rock am Weier und Openair St.Gallen. Spannend ist: Die Musikbeiz soll zwar unabhängig vom «Gare de Lion» funktionieren, gleichzeitig bleiben Kooperationen möglich. Das «Gare de Lion» könnte einzelne Formate im Adler präsentieren, genauso andere Kulturakteure wie das Soundsofa. Gerade diese Offenheit verstehen die Initianten, zu denen auch Paula Weber gehört, als Stärke. Doch hinter dem Projekt steckt mehr als Pragmatismus. Es geht auch um Identität. Darum, das Team zusammenzuhalten. Darum, in der Innenstadt einen Ort für Kultur und Begegnung zu schaffen. Und darum, während der ungewissen Jahre bis zur Wiedereröffnung des Gare de Lion sichtbar zu bleiben. Die alten Konzertplakate im Eingangsbereich erzählen davon. Sie sind Erinnerung aber auch ein Versprechen, so Sarbach. Dass ausgerechnet eine Verzögerung beim Umbau zu einem neuen Kulturort führen könnte, hat fast etwas Ironisches. Für Sarbach und Wiesendanger überwiegt aber die Chance. «Der Adler soll wieder eine Beiz sein, aus der etwas wachsen kann.» Wie lange das Projekt bleibt, ist offen. Läuft es gut, könnte es über die Umbauphase hinaus bestehen. Wenn nicht, endet es vielleicht mit der Rückkehr ins neue «Gare de Lion». Auch das gehört zum Konzept: nichts vorschnell festschreiben. Sicher ist vorerst nur: Statt zwei Jahre auf die Wiedereröffnung zu warten, setzt das Team auf Bewegung. Und vielleicht beginnt Wils nächstes Kulturkapitel genau hier – zwischen Plakaten, Zapfhahn und Pub-Quiz.
Lui Eigenmann
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