Ramon Gschwend
fährt in einer 16-tägigen Rallye bis ans Nordkap+.
Der Brief, der den Anstoss gab. Mit ihm wurden die Eltern in Wil über das Vorgehen informiert.
An den Wiler Schulen gilt seit dem neuen Jahr eine neue Regelung: Fällt eine Lehrperson krankheitsbedingt aus, findet der Unterricht am Nachmittag nicht mehr statt. Die Änderung sorgt bei Eltern für Diskussionen.
Ein Elternbrief der Stadt Wil hat in der lokalen Elternschaft für heftige Diskussionen gesorgt. Darin informieren Jigme Shitsetsang, Departementsvorsteher und Christoph Goetsch, Leiter Bildung, dass ab dem neuen Kalenderjahr eine zentrale Änderung im Schulbetrieb eingeführt wird: Fällt eine Lehrperson am Nachmittag krankheitsbedingt aus, wird der Unterricht nicht mehr durch eine Vertretung gesichert. Kinder ab der 3. Regelklasse sollen in solchen Fällen nach Hause geschickt werden.
Falls nötig absprechen
Bisher hatte die Schule in solchen Situationen Stellvertretungen organisiert, sodass der Unterricht am Nachmittag regulär stattfinden konnte. Nun sollen Eltern ihre Kinder selbst betreuen oder, falls nötig, absprechen, wer eine Gruppe von Kindern beaufsichtigt. Die Schulleitung weist in dem Schreiben darauf hin, dass Kinder ab der 3. Klasse «ein bis zwei Stunden alleine zu Hause bleiben können». Zusätzlich können Kinder, die in den Tagesstrukturen angemeldet sind, diese während eines ausgefallenen Unterrichts besuchen. In Notfällen könne die Schule bis zum Ende des Schultages Betreuung anbieten, wenn Eltern dies rechtzeitig mit der Schulleitung klären.
Sparbemühungen der Stadt
Dieser Schritt ist laut Brief eine Massnahme im Rahmen der städtischen Sparbemühungen. Alle Departemente der Stadt Wil wurden angehalten, Entlastungs- und Sparmassnahmen umzusetzen, wovon auch die Schulen betroffen sind. Die Schule bezeichnet den Wegfall der Stellvertretung als direkte Folge dieser Budgetvorgaben.
Unverständnis und Empörung
Viele Eltern reagieren darauf mit Unverständnis und Empörung. Eine anonyme Leserin der «Wiler Nachrichten» beschreibt den Brief als «Frechheit» und «beschämend». Besonders der Hinweis, Kinder ab der 3. Klasse könnten zwei Stunden alleine zu Hause bleiben, stösst auf massive Kritik. «Ein Kind in diesem Alter sollte nicht allein zu Hause sein und schon gar nicht alleine Hausaufgaben machen müssen», schreibt sie. Sie kritisiert zudem, dass in der Stadt Wil offenbar an den falschen Stellen gespart werde: Während in Infrastrukturprojekte wie den Bahnhof, öffentliche Plätze oder Spielplätze investiert wird, würden Kinderbetreuung und Schulangebote gekürzt. «Die Schule spart auf Kosten der Kinder», so die Leserin.
Im Stich gelassen
Die Mutter zweier Kinder fühlt sich in der Situation im Stich gelassen. Viele arbeiten während der Schulzeiten und könnten kurzfristig nicht zu Hause sein, um die Kinder zu betreuen. Die kurzfristige Information, die laut Brief bis spätestens 8 Uhr am gleichen Morgen erfolgen soll, erschwert die Planung zusätzlich. «Wie sollen Eltern einen Tag organisieren, wenn sie erst am Morgen erfahren, dass die Lehrperson krank ist?», fragt die Leserin. Die Kritik der Mutter geht auch auf die städtische Verwaltung: «Man muss sich fast schämen, in der Stadt Wil zu wohnen, wenn man sieht, wie bei den Kindern gespart wird. Warum nicht bei den Gehältern der Stadträte sparen?» Sie betont, dass Tagesstrukturen ohnehin überlastet seien und die Entscheidung, auf Vertretungen zu verzichten, die Kinder direkt treffe. Auch die Kostenfrage wird von der Mutter angesprochen: «Für wenige Stunden Unterricht könnten leicht Klassenassistenzen für etwa 80 Franken angestellt werden, anstatt die Kinder alleine zu lassen.»
Eltern wünschen sich umdenken
Die Wiler Mutter berichtet zudem von praktischen Problemen: Lehrerausfälle kommen immer wieder vor, sei es wegen Krankheit oder aus nachvollziehbaren Gründen wie Beerdigungen. Die Schule müsste aber auch in solchen Fällen den Unterricht sicherstellen, anstatt ihn einfach ausfallen zu lassen. «Die Kinder könnten zum Beispiel in der Turnhalle beim Turnen betreut werden. Dafür müsse nicht zwingend Lehrpersonal eingesetzt werden, eine Betreuungsperson reicht aus», so die WN-Leserin. Sie selbst habe sich bereits bereit erklärt, bei der Betreuung zu helfen. Die Reaktionen, die die «Wiler Nachrichten» erreicht haben zeigen, dass die Massnahme auf breite Kritik stösst. Die Eltern wünschen sich ein Umdenken: Kinder sollen auch bei krankheitsbedingtem Ausfall der Lehrperson eine angemessene Betreuung und Unterricht erhalten. Der Brief, der eigentlich informieren sollte, hat vor allem Frust, Sorge und Diskussionen ausgelöst.
Der Stadt wird vorgeworfen, bei Kindern zu sparen, während Millionen in Infrastrukturprojekte fliessen. Wie wird diese Prioritätensetzung gerechtfertigt?
Im Rahmen der gesamtstädtischen Entlastungsmassnahmen für das Budget 2026 musste das Departement Bildung und Sport, wie alle anderen Departemente der Stadt Wil, einen Sparvorschlag beim Personal unterbreiten. Bei den Lehrpersonen ist die Besoldung kantonal
geregelt und die Stadt hat keinen
direkten Einfluss auf das Lohnsystem. Um die vorgegebene Entlastungswirkung zu erreichen, wurde unter anderem auch die Massnahme beschlossen, auf die Betreuung bei kurzfristig erkrankten Lehrpersonen am Nachmittag ab der 3. Primarklasse auf eine Stellvertretung zu verzichten. Der Stadtrat und das Parlament erachteten diese Massnahme aufgrund der finanziellen Gegebenheiten als vertretbar.
Die Aussage, Kinder ab der
3. Klasse könnten «ein bis zwei Stunden alleine zu Hause bleiben», sorgt für Kritik. Auf welcher fachlichen Grundlage
beruht diese Einschätzung?
Die Stadt Wil ist sich bewusst, dass der Verzicht auf die bisherige Regelung bei Unterrichtsausfällen zu Unannehmlichkeiten führen kann. Das Departement Bildung und Sport geht jedoch davon aus, dass Kinder ab der 3. Primarklasse aufgrund ihres Entwicklungsstandes in der Lage sind, an einem Nachmittag ausnahmsweise ein bis zwei Stunden alleine zu Hause zu bleiben. Für Kinder, die bereits die schulergänzende Betreuung nutzen, stellt das Departement zusätzliche Betreuungsangebote in den Tagesstrukturen bereit. In besonderen Fällen können zudem gemeinsam mit der Schulleitung individuelle Lösungen erarbeitet werden.
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