Aaron Gähwiler
verrät im Lehrlings-Domino, wie er mit Druck umgeht.
Im Hof zu Wil wird bereits seit zwei Jahren gesägt, geschraubt, gegipst und gepinselt – doch welche Arbeiten werden auf der Baustelle im Wahrzeichen der Äbtestadt tatsächlich durchgeführt? Und welche Handwerksspezialistinnen und -spezialisten stecken dahinter?
Hof zu Wil Im zweiten Obergeschoss des Hof zu Wil dudelt das Radio vor sich hin. Dazu mischt sich ein regelmässiges Schaben von Metall auf rauem Untergrund: Ein Plattenleger trägt mit routinierten Bewegungen Mörtel auf den Unterlagsboden auf und zieht mit dem Spachtel schwungvolle, halbkreisförmige Rillen in die hellgraue Masse. Darauf setzt er sorgfältig handflächengrosse, rötliche Tonplatten. Der Kleber auf deren Unterseite, welchen sein Arbeitskollege zuvor aufgetragen hat, vermischt sich mit den Platten. Diese Zusammensetzung sorgt dafür, dass nach dem Trocknen alle Platten an Ort und Stelle bleiben – was für Laien nach einer gewöhnlichen Handwerksarbeit aussieht, ist alles andere als das. Zumindest nicht in der heutigen Zeit. «Tonplatten verlegen wir nur noch sehr selten», erklärt Claudio Oertig, Inhaber des Plattenlegerunternehmens. Noch aussergewöhnlicher sei aber die Herstellung dieser spezifischen Tonplatten: «Damit der Boden im Hof zu Wil nach der Sanierung dem Ursprungszustand möglichst nahe kommt, haben wir nicht nur ähnliche Materialien verwendet wie früher, sondern diese auch mit traditionellen Methoden hergestellt und verarbeitet», so Oertig.
Claudio Oertig fährt mit seiner Hand über eine der bereits verlegten Tonplatten und weist auf die kleinen Dellen an deren Rand hin: Fingerabdrücke. «Die Tonplatten werden von Hand hergestellt», so der Firmeninhaber. Dazu werde die Tonmasse in einen Holzrahmen gepresst und mit einer Holzlatte abgezogen. Nach dem Trocknen kommen die Rohlinge in den Ofen, wo sie bei einer vergleichsweise niedrigen Temperatur gebrannt werden. «Ton ist ein Naturprodukt und deshalb keine vollständig homogene Masse», erklärt Claudio Oertig. «Die verschiedenen Komponenten dehnen sich beim Trocknen und Brennen unterschiedlich aus, weshalb Unregelmässigkeiten entstehen.» Dabei handle es sich allerdings nicht um Mängel, sondern um charakteristische Eigenschaften des Tons, betont der Geschäftsführer. «Ton ist ein sehr langlebiges Material. Ein solcher Plattenboden ist nach der Fertigstellung beinahe unverwüstlich.»
Die Beständigkeit des Materials wird jedem und jeder vor Augen geführt, der das «Blaue Zimmer» im zweiten Obergeschoss betritt. Bereits auf den ersten Blick ist der Unterschied zu den Tonplatten in der Halle auf demselben Stockwerk zu erkennen: Sie sind dunkler und glänzen. «Das sind Platten aus dem 14. Jahrhundert», verrät Claudio Oertig. Sein Team hat die Tonplatten bei Beginn der Sanierungsarbeiten im dritten Obergeschosss ausgebaut und wieder aufbereitet. «Damit waren wir wochenlang beschäftigt und haben einige Schweissperlen vergossen», gibt er zu. Die alten Platten seien wesentlich weicher und brüchiger als die neuen, da ohne die modernen Industrieöfen nicht genügend hohe Brenntemperaturen erreicht werden konnten. «Diese Kombination hat dazu geführt, dass viele Tonplatten kaputt gingen und wir schlussendlich nur rund 80 von 150 Quadratmetern retten konnten.»
Auch das Verlegen der Platten weicht im Wahrzeichen der Äbtestadt von der Arbeit auf einer Standard-Baustelle ab, so Claudio Oertig . «Um eine exakte Ebene oder Flucht zu gewährleisten, verwenden wir normalerweise einen Laser – der wäre hier aber das falsche Werkzeug.» Tatsächlich haben sich über die Jahre viele der Wände und Böden unter der Last des Gebäudes gesenkt – einen ebenen Boden gibt es hier kaum noch. «Wir orientieren uns an fixen Punkten, wie Treppenaufgängen oder Türzargen, und tauschen den Laser gegen eine Schnur», erklärt der Inhaber. Das Ziel sei bei diesem Projekt nicht, eine Ebene zu erhalten, sondern dass sich der Boden ins Gesamtbild einfügt. «Das ist zwar nicht Alltag – aber das ist auf dieser Baustelle sowieso nichts», schmunzelt er schulterzuckend. Es sei ein altes Handwerk, welches oft nur noch die erfahrenen Mitarbeiter beherrschen. Oertig achte deshalb bewusst darauf, ab und an jüngere Mitarbeiter mitzuschicken. «Es wäre schade, wenn solche Techniken verloren gehen – man kann nie wissen, wann sie doch noch gebraucht werden.»
Einmal im Monat rücken die WN bestimmte Handwerksarbeiten im Hof zu Wil in den Fokus. In der nächsten Folge gibt Ivan Gschwend Auskunft über die Herausforderungen bei den feineren Holzarbeiten.
Linda Bachmann
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