Arjeta Osmani
absolviert derzeit ihre Ausbildung zur Detailhandelsfachfrau.
Luana Mrad untersuchte in ihrer Maturaarbeit, wie Disney-Prinzessinnen das Frauenbild prägen.
Von passiven Märchenfiguren zu selbstbestimmten Heldinnen: Luana Mrad zeigt, wie Disney-Prinzessinnen das Frauenbild prägen – und warum alte Klischees noch immer wirken.
Wil «Ich wollte meine Maturaarbeit auf jeden Fall zu einem feministischen Thema schreiben», erinnert sich Luana Mrad. Doch einfach nur die Geschichte der Emanzipation zu beleuchten, war der 18-Jährigen zu wenig. «Ich wollte etwas Persönliches einbringen.» Zur Auswahl seien das Disney-Universum und die Popkultur gestanden. «Ich entschied mich am Ende für Disney und seine Prinzessinnen, da ich mit den Filmen aufwuchs und sie mich bis heute begleiten», erzählt die Kantischülerin. In die Welt von Disney führte sie ihr italienischer Grossvater ein: «Wir schauten uns die Filme immer gemeinsam an», schwärmt Mrad.
Um die Emanzipation der weiblichen Hauptfiguren zu beleuchten, entschied sich Luana Mrad für drei Prinzessinnen aus verschiedenen Dekaden. «Für die 50er-Jahre standen die klassischen Prinzessinnen wie Schneewittchen, Cinderella und Dornröschen zur Auswahl. Da mir Cinderella am sympathischsten war, entschied ich mich für ihre Geschichte», verrät Mrad. Die Hauptdarstellerinnen dieses Jahrzehnts hatten eine Gemeinsamkeit: «Sie waren unselbstständig und ihr Glück war von einem Mann abhängig. Das widerspiegelte auch den Umgang mit Frauen in der Gesellschaft zu dieser Zeit.» Um die 90er-Jahre zu repräsentieren, entschied sich die Maturandin für Arielle, die kleine Meerjungfrau, und für Vaiana als moderne Prinzessin. «Anfangs mochte ich Vaiana nicht so», gibt sie zu. Es störte sie, dass Vaiana am Ende des Films keinen Prinzen für sich gewinnen konnte. «Genau das finde ich nun aber wichtig und richtig», so die 18-Jährige.
Während ihrer Arbeit veränderte sich vor allem der Blick auf ihre Lieblingsprinzessin Arielle: «Als Kind spiegelten ihre Verbindung zum Meer, ihre Neugier und ihre Rebellion vieles wider, was ich selbst fühlte.» Die genaue und kritische Analyse der kleinen Meerjungfrau brachte jedoch verblüffende Erkenntnisse mit sich. «Bei meinen Recherchen stiess ich drauf, dass Arielle eine der meist sexualisierten Hauptfiguren ist. Sie zeigt am meisten Haut und ist in einer Szene sogar nackt», sagt Luana Mrad. Um das Herz des Prinzen zu gewinnen, geht sie einen Pakt mit einer bösen Meerhexe ein und tauscht ihre Stimme gegen Beine ein. «Dieses Verhalten finde ich heute äusserst naiv», sagt der Disney-Fan. «Ohne ihre Stimme muss Arielle voll auf ihre körperlichen Reize setzen, um ans Ziel zu gelangen. Ein Bild, das sich heute nicht mehr mit meinen Überzeugungen deckt.»
Weg von der Abhängigkeit anderer und hin zum selbstständigen Handeln entwickelten sich die Prinzessinnen Tiana und Vaiana. «In diesen Geschichten brauchen die Hauptfiguren keinen Prinzen, um sich selbst zu verwirklichen», so Mrad. Klar zu erkennen sei, dass Disney sich stets weiterentwickelt und an die aktuellen gesellschaftlichen Normen angepasst habe: «Dies sieht man auch an den Liveverfilmungen der Klassiker», bemerkt sie. So wird Arielle von einer dunkelhäutigen Schauspielerin gespielt und am Ende rettet sie den Prinzen. «Die problematischen Szenen werden von Disney korrigiert», begrüsst die Maturandin. Weiterhin problematisch seien die Schönheitsideale, die Disney mit seinen Prinzessinnen vermittelt: «Die Augen der Figuren sind in der Regel immer breiter als die Taille.» Ein Bild, das unrealistische Schönheitsideale fördere. «Kinder eifern ihren Idolen nach und identifizieren sich mit ihnen. Darum würde ich es begrüssen, wenn die äussere Erscheinung realistischer wird.»
Wie wäre denn eine Prinzessin, wenn die 18-Jährige selbst eine erschaffen könnte? «Sie hätte realistische Proportionen und auch mal einen Pickel», verrät sie. Zudem würde ihre Prinzessin auch mal Fehler machen. «Fehler sind nichts Schlimmes. Man kann daraus lernen, das ist ein Bild, das man Kindern vermitteln sollte», so Luana Mrad. Einen Prinzen würde ihre Hauptfigur wohl nicht haben. «Ich habe aus meiner Arbeit gelernt, dass es keinen Mann braucht, um etwas erreichen zu können.»
Von Dominique Thomi
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